Ram das: Freie Bhakti

Yam pravrajantam anupetam apeta-krtyam
Dvaipayanoviraha-katara ajuhava
Putreti tan-mayataya taravo ‚bhinedus
Tam sarva-bhuta-hrdayam munim anato ’smi

Ich verehre Sri Sukadeva Goswami, der in die Herzen aller Lebewesen eingehen kann. Als er sein Heim verließ, ohne sich den Reinigungsvorgängen wie dem Annehmen der heiligen Schnur zu unterziehen, rief sein Vater Vyasa: »Oh mein Sohn!«Als seien sie in das gleiche Trennungsgefühl vertieft, erwiderten nur die Bäume den Ruf in Form eines Echos.1

Sri Krishna ist sehr schnell mit einem solchen Menschen zufrieden, der eine mitfühlende Stimmung gegenüber anderen Lebewesen hat und der ihnen niemals Angst oder Besorgnis durch seinen Körper, seinen Geist oder seine Worte verursacht. Mitgefühl ist die wichtigste Aufgabe der Vaishnavas.2


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Sri Krishna

Sri Krishna

Freie Bhakti

Bhakti ohne Angst – Sinn und Unsinn von Geboten und Verboten

• Vorbemerkung

• Einleitung

• Zur Psychologie

• Wo kämen wir denn da hin, wenn jemand ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?

• Das Jaiva-dharma zu vaidhi-bhakti

• Das Jaiva-dharma zu raganuga-sadhana-bhakti

• Sri Srimad Bhaktivedanta Narayana Maharaja: The Essence of all Advice

 

Vorbemerkung

Dieser Text ist ein Thesenpapier ohne Anspruch auf endgültige und absolute Gültigkeit. Es ist der Versuch, eine freie bhakti zu finden und diese auf die Schriften zu fundieren. Es sind Thesen und keine absoluten Wahrheiten. Die Devotees sind eingeladen, mit diesen Thesen zu experimentieren und ihre eigenen Erfahrungen zu machen. Niemandem bleibt die eigene Erfahrung erspart, denn es reicht nicht, sich fertiger und vorgefasster Ansichten oder Patentrezepte zu bedienen. Dieser Text ist von dem Wunsch getragen, die Wahrheit zu finden. Ich bitte alle Geweihte Radha-Krishnas, mir eventuelle Vermessenheiten und Vergehen zu verzeihen.

Sri Sri Radha-Krishna im Kreise der Gopis

Sri Sri Radha-Krishna im Kreise der Gopis

Einleitung

Als Srila Bhaktivedanta Swami Maharaja in den Westen kam, war er 69 Jahre alt und zum ersten Mal außerhalb von Indien. Sein kultureller Hintergrund war also ausschließlich indisch geprägt und hatte brahminischen Standard. Sein kulturelles Verständnis unterschied sich somit doch in erheblichem Maße von der Kultur, die er in New York in der Lower Eastside vorfand. Die Hippies hatten gerade ihre kulturellen Tabus und Konventionen hinter sich gelassen und lebten ein freies, überschwängliches und ausschweifendes Leben. Der Bildersturm gegen die westlichen konservativen Werte war mit der Hippie-Bewegung und der 68er-Bewegung auf ihrem Höhepunkt. Alte Tabus wurden aufgebrochen, Hemmungen und Ängsten, die aus den repressiven moralischen Vorstellungen der konservativen Werte hervorgegangen waren, wurde der Kampf angesagt. Freiheit war das Motto der Stunde.

Gopas

Gopas

Mitten in diese Stimmung des Aufbruchs und der Infragestellung der überkommenen Werte kam Srila Bhaktivedanta Swami mit einem fest gefügten, konservativen moralischen Weltbild, wie es zu dieser Zeit in Indien noch absolute Geltung hatte. Zu dieser Zeit gab es in Indien zum Beispiel sittliche Vorstellungen wie die, dass eine Frau nicht im gleichen Zimmer mit einem Mann sein darf, ausgenommen mit dem Ehemann3. Die Frau hatte die Männer zu bedienen und ihnen das Essen zu bringen und musste warten bis alle fertig waren, um dann im stillen Kämmerlein die Überreste zu essen. Welche westliche Frau oder welcher westliche Mann heutzutage würde solche Umgangsformen akzeptieren? Wir sind ein hohes Maß an Freiheit gewöhnt. Wir haben das Individuum aus seiner Unmündigkeit herausgeführt. Das Zeitalter der Aufklärung, in dem wir uns in Europa seit über 200 Jahren befinden, dreht sich nur um diesen Punkt, die individuelle Person, das Ich zu verwirklichen, frei von Bevormundung und mythischer Angst. Diese Form der Aufklärung und Autonomie des Subjekts hat in der Art in der traditionellen indischen Gesellschaft nicht stattgefunden, wiewohl durch den Einfluss der englischen Kolonialherren und der christlichen Missionare auf einer oberflächlichen Ebene diese neuen Formen des Selbstverständnisses intellektuell rezipiert wurden. Srila Bhaktivinoda Thakura ist ein leuchtendes Beispiel der intensiven Auseinandersetzung mit modernen intellektuellen Konzepten und der Nutzung der positiven Erkenntnisse der westlichen Intelligenz für eine Neuentdeckung und Wiederbelebung der vedischen Spiritualität in einem nicht-ideologischen, nicht-kulturalistischen, sondern transzendentalen Sinn.4

Bhaktivedanta Swami Maharaja hingegen muss bei seiner Ankunft in New York den Kulturschock in einer äußerst drastischen Weise erlebt haben. Der Abgrund zwischen der traditionellen indischen Kultur und der bilderstürmenden Subkultur des Westens muss für ihn ein Horror gewesen sein. Vor diesem Hintergrund ist es zu verstehen, dass er die vier regulierenden Prinzipien einführte und eine enorme Bedeutung auf diese legte. Diese Bedeutung wurde in der späteren Zeit von seinen Nachfolgern in einer solchen Weise verabsolutiert, dass sich viele Devotees über die Relativität und Bedingtheit diese Prinzipien keine Gedanken mehr machen. Sie leben in der Gleichung: vier regulierenden Prinzipien = bhakti. Ich möchte in diesem Aufsatz zeigen, dass und warum diese Gleichung nicht stimmt.

Die Devotees in der ISKCON lebten für Jahrzehnte so gut wie isoliert vom Baum der Schülernachfolge. Viele, vor allem die GBCs, sind heute noch in dem Glauben, sie hätten den Alleinvertretungsanspruch für bhakti und nur ihre Lehre sei zertifiziert. Alle anderen Zweige des Baumes der Schülernachfolge Nityanandas und der Goswamis seien unbedeutend, unzulänglich oder gar abweichlerisch. Auf diese Weise werden bestimmte Prinzipien verabsolutiert, die tatsächlich in anderen Zweigen überhaupt nicht bekannt sind. So berichtet etwa Bhaktivedanta Sadhu Maharaja vom Munger-Mandir in Vrindavan, dass er von seiner Linie her die vier regulierenden Prinzipien gar nicht kennt. Bhaktivedanta Swami Maharaja hat diese vier Prinzipien entwickelt, um der speziellen Situation in New York und seiner moralischen Erschrockenheit gerecht zu werden. Diese vier Prinzipien sind nützlich, um auf die Ebene von sattva-guna zu gelangen, von der aus es sehr gut möglich ist, auf die Ebene von nirguna, also über die Erscheinungsweisen der materiellen Natur hinaus auf die transzendentale Ebene zu gelangen. Sattva-guna ist Religion, aber Religion ist von Spiritualität verschieden. Um auf die spirituelle Ebene zu gelangen, ist es deshalb notwendig, alle gunas zu transzendieren. In diesem Aufsatz soll deshalb der Frage nachgegangen werden, inwiefern die Verabsolutierung der Reinheitsgebote bei Drohung ewiger Verdammnis förderlich für reine bhakti ist. Die These ist, dass ein übertriebenes Festhalten an Regeln und Regulierungen sowie zwanghafte Reinheitsansprüche das Gefühl des Lebewesens blockieren und sein Herz hart machen. Die vom Kopf gesteuerte Regulierung, die Kontrolle über die Sinne und den Geist unterdrückt das Gefühl. Im normalen Vedanta, wo es um karma-yoga und jnana-yoga geht, ist dies vielleicht geeignet, im bhakti-yoga jedoch, in dem es um das Gefühl des Herzens geht, ist diese Methode hinderlich, wenn nicht sogar schädlich. Die Beispiele von Devotees, die selbst nach 25-jähriger Praxis noch keinen rasa ausstrahlen, sind zahlreich. Selbst nach 25 Jahren haben sie noch keine gefühlte Liebe zu Krishna, noch keine bhava verwirklicht. Dies resultiert, so die These dieses Aufsatzes, nicht etwa aus der hochgradigen Verunreinigung dieser Devotees, sondern aus falschen Philosophien und Glaubenssystemen, die mit Verboten und Vorschriften kopfgesteuerte, von ihrem Gefühl abgeschnittene Menschen erzeugen. Es ist gerade diese Angst vor Verunreinigung, die bhava verhindert. Es gibt kein freies Fließen mehr, keine Leichtigkeit, kein fließendes Gefühl und keine Öffnung des Herzens. Das Herz wird über die Jahre wie Stein, das Chanten wird zu einer maschinellen Handlung. Man fristet sein Leben in der Hoffnung auf die Zukunft, auf die Verheißungen der anderen Dogmatiker, die die Erfüllung und Verwirklichung der Liebe zu Gott in die Zukunft und womöglich in ein Jenseits nach dem Tode verlagern. Dies ist jedoch nicht die Definition des lilas. Das lila, das Radha, Krishna und die Gopis in Goloka Vrndavana ausführen, ist ewig. Es findet jetzt und hier statt. Es gibt keinen Weg dorthin und keine Handlung, die dies erzwingen könnte. Nur durch die grundlose Barmherzigkeit von Krishna, Guru und sadhu kombiniert mit unserer inneren Entscheidung können wir dorthin gelangen. Diese innere Entscheidung ist die Bereitschaft, sein Herz der sadhu-sanga zu öffnen. Mit offenem Herzen zu sadhu-sanga zu gehen, um dort sravanam und kirtanam auszuführen, reinigt den Spiegel des Herzens (ceto darpana marjanam). Je offener das Herz, je mehr es durch bhava berührbar ist, desto schneller vollzieht sich die Reinigung und desto reiner ist die bhakti. Sie ist dann nicht vermischt mit karma oder jnana. Die Verbote und Vorschriften jedoch, die eine Disziplinierung durch Angst darstellen (wenn ich mich nicht daran halte, ist das eine Sünde, für die ich bestraft werde), schließen das Herz, machen es eng und verhindern Gefühl. Es ist ein großer Irrglaube zu denken, dass das Gefühl negativ sei, weil es innerhalb der materiellen Sphäre auf materielle Objekte gerichtet ist. Das Gefühl ist unerlässlich und essenziell, um die höheren Stufen der bhakti zu erreichen, ruci, raga, rasa und bhava. Jede mentale Invasion in das Gefühl ist kontraproduktiv. Vielmehr ist es geboten, den Menschen den Zugang zum Gefühl zu geben. Die wichtige Frage ist, wie können wir diesen Schatz, den wir mit Krishna-bhakti in Händen halten, den unwissenden, unschuldigen Menschen draußen so nahe bringen, dass sie es annehmen können. Vielfach verkennen wir, wie weit der Mensch im Westen sein Bewusstsein bereits entwickelt hat. Der kanistha-adhikari gefällt sich darin, die Nicht-Gottgeweihten als karmis zu bezeichnen, was ein Schimpfwort ist, und sie samt der Gesellschaft generell für verrückt oder wahnsinnig zu halten. Mit dieser Grundhaltung ist jeder weitere Dialog hinfällig. Auf diese Weise wird nicht ein Mensch zu Krishna hingezogen. Und dies ist auch der Grund, warum die Hare Krishnas von all den östlichen spirituellen Bewegungen, die in den sechziger Jahren im Westen Fuß gefasst haben, diejenige ist, die im öffentlichen Leben die unbedeutendste Rolle spielt. Andere Gruppierungen wie die von Sri Sri Ravi Shankar, Yogi Bhajan, Amma, Brahma Kumaris, Maharishi Mahesh Yogi und die ganzen Advaita-Traditionen sind mittlerweile feste Bestandteile im öffentlichen kulturellen Leben, und ihre Anhängerschaft geht in die Hunderttausende. Auch dieser Umstand ist nicht einfach durch das Totschlagargument zu erledigen, dass diese Gruppierungen alle primitive, materialistische Philosophien haben, weswegen dann die Dummköpfe von karmis davon angezogen werden. Wohingegen unsere erhabene und hoch spirituelle bhakti-Philosophie einfach zu anspruchsvoll ist, um auf Interesse bei diesen Dummköpfen zu stoßen. Ich glaube, es ist viel wichtiger, die Fehler mal bei uns selbst zu suchen und uns zu fragen, wo der Fehler liegen könnte. Meines Erachtens liegt der Fehler in der Herangehensweise, wo auf Grund der elitären Haltung und den mittelalterlichen moralischen Vorstellungen vieler Devotees der Neuankömmling schnellstmöglich die Flucht ergreift, und zwar um so schneller, je intelligenter und bewusster er ist. Nur der letzte Rest Gestrandeter bleibt im Tempel hängen, um sich da an den letzten Strohhalm zu klammern. Intelligente Menschen der heutigen Zeit haben große Vorbehalte gegen dogmatische und auf moralischen Zwang aufgebaute Glaubenssysteme. Sie sind sehr sensibel gegenüber repressiven Strukturen, da sie die Erfahrung des Kirchenchristentums und des Faschismus im Bewusstsein haben. Es gilt als allgemeiner kultureller Konsens in der intelligenten Schicht der Bevölkerung, dass repressive Philosophien und Glaubenssysteme historisch überholt sind, und dem ist auch so. Solange die Devotees ihre ethnozentrisch-mythische Dogmatik und ihre repressiven Moralvorstellungen in unhistorischer Weise aufrechterhalten wollen, werden sie die Menschen, die sie erreichen wollen, nicht erreichen. Eine transzendentale Spiritualität hat diese Dogmen und diese repressive Moral ohnehin nicht nötig.

Ich selbst habe viele Jahre meines Lebens damit zugebracht, mich von den Verletzungen und Panzerungen, die mir die repressive katholische Moral zugefügt hat, zu befreien, um wieder zu einem lebenden und fühlenden Wesen zu werden. Nun habe ich das erreicht, und jetzt erzählen mir die Devotees, dass meine Lebensimpulse und Gefühle unter dem Verdacht stehen, Sünde zu sein, und dass ich diese Befreiung wieder rückgängig machen soll, um wieder angepasst, geregelt und gezüchtigt in der Institution zu funktionieren. Ein junger Mann, der auf einem Rainbow-Gathering mit den (Iskcon-)Devotees gesprochen hatte, brachte es im Gespräch mit mir auf folgende einfache Formel: »Hare Krishna ist Katholizismus für Hippies«. Ist es nicht traurig, dass Krishna-bhakti auf diese Weise im Westen rezipiert wird? Dass sie nicht mehr ist als ein Moralismus, eine Religion? Dass bei diesem moralinsauren Predigen der süße Krishna auf der Strecke bleibt? Dass Krishna gegen ein paar Zigaretten oder ein Glas Bier oder eine Tasse Kaffee aufgerechnet wird? Sie reden über Regeln und Gesetze anstatt über Krishna. Alles in bester Absicht, aber die Erfahrung zeigt, dass es so nicht geht. Der Sinn dieses Textes besteht nicht darin, eine neue Philosophie zu eröffnen, auch nicht darin, die Prinzipien von sattva-guna in Frage zu stellen. Es geht um eine neue Gewichtung zwischen sattva-guna und nirguna, wobei nirguna die primäre Bedeutung und Betrachtung gebühren sollte. Es geht nicht um die Infragestellung des Ziels, sondern um einen neuen Weg zu diesem Ziel. Es gibt Lebewesen, die noch nicht bei Krishna sind. Diesen Lebewesen muss ein Weg gegeben werden, der für sie gangbar ist. Dies erfordert die Berücksichtigung von Ort, Zeit und Umständen. Dieser Aufsatz ist ein Plädoyer für einen freieren Umgang mit dem Bedürfnissen der Einzelnen, ohne diese sogleich in fromm und sündig zu unterteilen. Bhakti ist rein transzendental und jenseits der Erscheinungsweisen der materiellen Natur. Sie ist deshalb nicht abhängig von den Regeln und Regulierungen. Es ist nett, wenn jemand sich an diese Regeln hält, es ist sicherlich nicht zu seinem Schaden sondern förderlich, und es ist auch in meinem Sinne, die vier regulierenden Prinzipien und die sonstigen Reinheitsgebote als Empfehlung auszusprechen, nicht jedoch als ultimative Bedingung. Dies ist eine unzulässige Ebenenverschiebung. Damit wird der Fortschritt der bhakti behindert, und ist somit als Vergehen gegen bhakti zu betrachten. Diejenigen Devotees, die an die genaue Ausführung der Rituale und Übungen angehaftet sind, betreiben karma-misra-bhakti. Diejenigen Devotees, die an Reinheit und Entsagung angehaftet sind, betreiben jnana-misra-bhakti. Von diesen Positionen aus ist es jedoch nicht möglich, Vraja-prema zu erlangen.

Sri Sri Radha-Krishna

Sri Sri Radha-Krishna

Nun zu den Ausführungen im Einzelnen.

Caitanya caritamrita, Madhya-lila, Kap. 15, Verse 103-110:

Satyaraja Khan sagte: »Mein lieber Herr, da ich ein Haushälter und ein materialistischer Mensch bin, kenne ich den Vorgang des Fortschritts im spirituellen Leben nicht. Ich unterwerfe mich deshalb deinen Lotusfüßen und ersuche dich, mir Anweisungen zu erteilen.«

Sri Caitanya Mahaprabhu antwortete: »Chante weiterhin ohne Unterlass den heiligen Namen Sri Krishnas. Wann immer es möglich ist, diene ihm und seinen Geweihten, den Vaishnavas.«

Kommentar: Wir finden hier die klassische Situation, in der ein Neuling auf dem Weg des bhakti-yoga sich einem fortgeschrittenen Gottgeweihten zuwendet, um von ihm Unterweisungen zu empfangen. Natürlich ist Sri Caitanya Mahaprabhu mehr als ein Gottgeweihter, doch es geht um den Vorgang an sich, in dem Sri Caitanya die Rolle des unterweisenden Meisters (siksa-guru) annimmt. Er gibt nur eine einzige Unterweisung: das Chanten der heiligen Namen. Er spricht nicht von der Einhaltung äußerlicher Prinzipien. Dass dies bewusst geschieht, wird aus den nun folgenden Versen deutlich, die klar sagen, was ein Devotee ist und wie er bhakti bekommt.

Als Satyaraja dies hörte, sagte er: »Wie kann ich einen Vaishnava erkennen? Bitte lasse ich wissen, was ein Vaishnava ist. Was sind seine allgemeinen Kennzeichen?«

Sri Caitanya Mahaprabhu erwiderte: »Jeder, der den heiligen Namen Krishnas auch nur einmal chantet, ist verehrungswürdig und ist der beste von allen Menschen.«

Kommentar: Dieser Satz kommt direkt von Sri Caitanya Mahaprabhu und ist ein Originalvers aus dem Caitanya caritamrita. Ihm muss somit höchst Autorität zugebilligt werden. Sri Caitanya sagt hier eindeutig, dass einmaliges Aussprechen des Heiligen Namens Krishnas ausreicht, um einen Menschen zu einem Devotee zu machen, was unmittelbar bedeutet, dass jedem solchen Menschen uneingeschränkter Respekt entgegenzubringen ist.5 Caitanya Mahaprabhu spricht nicht von sonstigen Verhaltensvoraussetzungen, die notwendig sind, um sich als bhakta zu qualifizieren. Nur das Ausführen von bhakti alleine ist das Kriterium für die Qualifikation des bhaktas. Wenn nun schon ein Mensch, der nur einmal den Namen Krishnas ausgesprochen hat, die Wertschätzung als Gottgeweihter verdient, ist es eine generelle Unmöglichkeit, irgendeinen Devotee oder Gast im Tempel als unqualifiziert oder unzulänglich einzustufen.

»Einfach dadurch, dass man den heiligen Namen Krishnas chantet, wird man von allen Reaktionen eines sündhaften Lebens befreit. Man kann die neun Vorgänge hingebungsvollen Dienens einfach durch das Chanten des heiligen Namens zur Vollkommenheit bringen. Man braucht sich nicht der Einweihung zu unterziehen oder die Tätigkeiten ausführen, die vor der Einweihung nötig sind. Man muss einfach den heiligen Namen mit den Lippen erklingen lassen. Auf diese Weise kann selbst ein Mensch aus der niedrigsten Klasse (candala) befreit werden. Durch das Chanten des Heiligen Namens des Herrn löst man seine Verstrickung in materielle Tätigkeiten auf. Danach verspürt man starke Anziehung an Krishna, und so erwacht schlummernde Liebe zu ihm.«

Kommentar: Hier sagt Sri Caitanya Mahaprabhu, das noch nicht einmal Einweihung notwendig ist. Damit widerspricht er vielen heutigen Gottgeweihten, die dazu tendieren, nicht eingeweihte Menschen als verloren anzusehen und umgekehrt Eingeweihte als höher qualifiziert einstufen. Sicherlich ist die Ansicht, dass wir die Einweihung brauchen, vollkommen richtig. Es soll nur gezeigt werden, dass es unterschiedliche Aussagen gibt, die gemäß Ort, Zeit und Umständen zu beurteilen sind. Ein Wortfundamentalismus, der sich sklavisch an den buchstäblichen Wortlaut hält und jede eigene Überlegung als Blasphemie ablehnt, kann einem aufgeklärten Menschen nicht gerecht werden und vor allem – was viel schlimmer ist – eine spirituelle Erfahrung nicht ermöglichen. Es sollte möglich sein, jede Aussage, egal von wem, mit Hilfe der eigenen Vernunft und vor allem Erfahrung zu überprüfen, natürlich mit dem Ziel, in den Fußstapfen der acaryas zu folgen und ihnen größte Wertschätzung, Respekt und Achtung entgegenzubringen. Dennoch darf die Wahrheit nie verleugnet oder missbraucht werden. Jede Aussage muss und darf auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Widersprüchliche Wahrheiten weisen oft darauf hin, dass die Lösung auf einer übergeordneten Ebene zu finden ist, die die Dualität des jeweiligen Widerspruchs auf dieser höheren Ebene integriert und auflöst. Oder sie weisen darauf hin, dass schlichtweg beide Aussagen richtig sind, auch wenn diese mit der materiellen Logik widersprüchlich erscheinen. Dies ist das Prinzip von bhedabheda-tattva. Es ist nie nur eine Seite wahr, es gibt kein einziges Dogma, das immer richtig wäre, wohingegen das Gegenteil falsch wäre. In einem Umfeld, in dem nun die eine Seite zum Dogma überhöht wird, ist es notwendig, auch der anderen Seite zur Aufmerksamkeit zu verhelfen. In diesem Sinne ist es ganz gut, wenn wir diesem Gedanken von Sri Caitanya Mahaprabhu mehr Aufmerksamkeit schenken und die Wahrheit dahinter erkennen. Die Frage ist, von was ist bhakti abhängig? Was muss ich tun, um bhakti zu bekommen? Es ist sehr gut, Einweihung zu nehmen und die vier regulierenden Prinzipien einzuhalten. Aber diese Dinge sind nicht die Essenz. Bhakti ist davon nicht abhängig. Bhakti manifestiert sich unabhängig aus ihrem freien Willen heraus. Wen sich bhakti aussucht, obliegt der Gnade von Guru und Krishna. Wir haben keine Kontrolle darüber, und keine Handlung/Entsagung kann bhakti kontrollieren. Der folgende Vers, aus Srila Rupa Goswamis Padyavali, der hier im Caitanya caritamrita zitiert wird, spricht dies klar aus:

»Der heilige Name Sri Krishnas wirkt auf viele heilige, weitherzige Menschen anziehend. Er ist der Vernichter aller sündhaften Reaktionen und ist so mächtig, dass er für jeden – außer für den Stummen, der ihn nicht chanten kann – ohne weiteres zugänglich ist, auch für die niedrigste Menschenart, die candalas. Der Heilige Name Krishnas ist der Beherrscher des Reichtums der Befreiung, und er ist mit Krishna identisch. Einfach dadurch, dass man den heiligen Namen mit der Zunge berührt, werden sofort Früchte gezeitigt. Der Heilige Name hängt nicht von Einweihung, frommen Tätigkeiten oder den regulierenden Einweihungsprinzipien ab, die im Allgemeinen vor der Einweihung eingehalten werden. Der heilige Name achtet nicht auf all diese Tätigkeiten. Er ist nicht auf fremde Hilfe angewiesen.«

Kommentar: Wir sollten also, um diesen Aussagen gerecht zu werden, unsere Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Vorgänge der bhakti richten, insbesondere das Chanten der heiligen Namen, desweiteren hari-katha, sanga und seva. Die Grundhaltung, in der als unverzichtbare Voraussetzung für das Praktizieren von bhakti die Einhaltung der regulierenden Prinzipien gefordert wird, ist unzulässig. Sie verkennt gravierend die Wirkungsweise von bhakti und führt dazu, dass der Großteil der Devotees nach einiger Zeit dem Krishna-Bewusstsein den Rücken zukehrt. Nicht weil sie Krishna nicht mögen – sie mögen Krishna – sondern weil sie mit den Ängsten und dem schlechten Gewissen nicht zurechtkommen. Mit Recht, denn auch philosophisch sowie spirituell ist dieser Ansatz kontraproduktiv. Er zerstört die Liebe zu Krishna. Wer diese regulierenden Prinzipien als Dogma und unumstößliches, 100-prozentiges Prinzip zu einer Bedingung macht, ist wie jemand, der Krishna für eine Zigarette und eine Flasche Bier verkauft. Er rechnet Krishna gegen eine Flasche Bier auf und sagt, wenn du das nicht aufgeben kannst, dann musst du Krishna aufgeben. Ist Krishna nicht mehr wert als sowas? Steht er nicht unendlich weit darüber? Ist es notwendig, einem Menschen, dessen Liebe zu Krishna am wachsen ist, mit Hilfe des schlechten Gewissens, der Angst und der Schuld zu führen? Dies ist ein altes Paradigma, das im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit das allgemeine Muster der Religion war, aber auf Grund der fortgeschrittenen Erkenntnis und Vernunft des Menschens im Westen, die aus traumatischen Erfahrungen mit diesen Arten der repressiven Religion hervorgegangen ist, sowie seiner weit vorangetriebenen Emanzipation aus der persönlichen Unmündigkeit in heutiger Zeit nicht mehr funktioniert. Vielmehr müssen wir an der Vernunft und der Freiheit des Menschen ansetzen.

Sri Sri Radha-Mohan

Sri Sri Radha-Mohan im Munger Mandir in Vrindavan

Im Srimad Bhagavatam findet sich folgender Vers:

»In der Gemeinschaft mit reinen Gottgeweihten sind die Gespräche über die Spiele und Taten der höchsten Persönlichkeit Gottes sehr angenehm und befriedigen das Ohr und das Herz. Indem man solches Wissen kultiviert, schreitet man schrittweise auf dem Pfad der Befreiung voran. Nachdem ein solcher Mensch befreit ist, wird seine Anziehung an Krishna stabil. Dann beginnt wahre Hingabe und wahrer hingebungsvoller Dienst.« (SB 3.25.25)6

Kommentar: Hier wird die eindeutige Aussage gemacht, dass Befreiung die Grundvoraussetzung für wahre Hingabe ist. Ohne Befreiung ist es nicht möglich, bhakti auszuführen. Befreiung ist somit nicht gering zu schätzen. Befreiung bedeutet, nicht mehr in Angst zu leben. Befreiung bedeutet, zu sich selbst zu kommen. Befreiung bedeutet, neurotische Muster, die uns auf der bedingten Ebene und in der Abhängigkeit von materiellen Konzepten halten, aufzulösen. Sehr oft wird nicht genügend berücksichtigt, dass auch unser Geist und sogar unsere Intelligenz materiell sind und materielle Konzepte vertreten. Die reine Transzendenz ist das reine Sehen der Dinge, wie sie sind, ohne Dogmen und Glaubenssysteme und frei von Wertung. Eine religiöse Lehre, die auf Dogmen und Glaubensannahmen beruht, ist als dharma im Sinne Krishnas zu verstehen, wenn er in Vers 18.66 in der Bhagavad-gita sagt: »Gibt alle Arten von dharma auf.« Dharma sind alle Glaubenssysteme, diese sind nicht transzendental.

In dem Vers wird auch ausgesagt, dass die Gespräche (hari-katha) angenehm und befriedigend sind. Es ist ein Jammer, dass dies extra betont werden muss, aber genauso sollte auch der heutige Devotee an den Vorgang der bhakti herangehen, nämlich so, dass es angenehm und erfreulich ist. Wir haben so viele Geschichten und Erzählungen über Krishna, wir haben so viel Wissen über die tattvas. Wir müssen nicht über andere Dinge sprechen, die negative Aussagen erfordern und in den Menschen Angst und Schuld provozieren. In diesem Vers ist die Reihenfolge klar aufgeschlüsselt: 1. sangha, 2. hari-katha, 3. jnana, 4. moksa, 5. asakti, 6. prema, 7. seva. Das ist die richtige Reihenfolge. So funktioniert bhakti.

Die Bhagavad-gita erklärt ihm Vers 2.40:

»Bei dieser Bemühung gibt es weder Verluste noch Minderung, und schon ein wenig Fortschritt auf diesem Pfad kann einen vor der größten Gefahr bewahren.«

Kommentar: Dies ist das Wesen von bhakti. Es funktioniert nicht wie karma. Jede noch so kleine Bemühung zählt und geht niemals verloren. Es ist nicht notwendig, jeden Vorgang perfekt auszuführen. Fehler, Unzulänglichkeiten oder Unterlassungen schmälern zwar den Gesamtnutzen je nach Maß der Unterlassung oder der fehlerhaften Ausführungen, machen aber keinesfalls das gesamte Ergebnis zunichte, wie das im karma-yoga der Fall ist. Jede kleinste Handlung, die als bhakti ausgeführt wird, geht ewiglich und unwiderruflich in die Transzendenz ein. Wenn jemand den Vorgang unterbricht und später wieder aufnimmt, macht er dort weiter, wo er aufgehört hat. Es ist also unmöglich, die Ergebnisse der bhakti wieder zu verlieren. Ein Sonderfall stellen die Vergehen dar. Hier ist es natürlich möglich, bhakti zu verlieren. Dies sollte jedoch nicht überbetont und gleichsam als einziges Objekt der Betrachtung hingestellt werden. Die viel wichtigere und grundlegendere Wahrheit über bhakti ist die, dass es bei diesem Vorgang weder Verluste noch Minderung gibt. Selbst wenn jemand sündhaft handelt, aber im Herzen Liebe zu Krishna hat, ist er ein bhakta, und er macht sehr wohl Fortschritt. Fortschritt macht er immer dann, wenn er bhakti ausführt. Alle anderen Tätigkeiten, die nicht bhakti sind, sind zeitweilig. Sie laufen unter Umständen eine Zeit lang weiterhin mit, während der Gottgeweihte unterbrochenen hingebungsvollen Dienst ausführt, das heißt manchmal bhakti praktiziert und manchmal nicht. Jede noch so kleine Handlung in bhakti geht jedoch verlustfrei als Verdienst zu Gunsten des bhaktas. Sie ist nicht von materiellen Kausalitäten abhängig und kann durch materielle Bedingtheiten nicht gemindert werden.

In diesem Sinne sagt Srila Bhaktivedanta Narayana Maharaja in seinem Kommentar zu Vers 2.40:

»Wenn ein vertrauensvoller sadhaka auf Grund von Unwissenheit den Vorgang unvollkommen ausführt, sind die Ergebnisse von bhakti-yoga niemals verloren noch begeht er dadurch eine Sünde.«7

Kommentar: Srila Gurudeva sagt hier eindeutig, dass unvollständige oder unvollkommene Ausführungen im bhakti-yoga keine Sünde sind. Ein Devotee predigte jüngst zu einer Frau, die neu im Krishna-Bewusstsein ist und tief bewegt den Weg aufgegriffen hat, dass sie eine Runde, die sie angefangen hat, auch zu Ende chanten müsse. Andernfalls sei dies ein Vergehen. Die Frau hatte erst einmal in ihrem Leben eine ganze Runde gechantet und dafür eine Stunde gebraucht. Sie hatte tiefe Erlebnisse, und es ist wirklich erstaunlich, wie tief sie in so kurzer Zeit in die Stimmung der Liebe zu Krishna eingetaucht ist. Als sie jedoch diese Unterweisungen hörte, bekam sie Angst weiter zu chanten. Denn sie konnte nicht vorher schon sagen, dass sie diese eine Stunde Zeit haben würde die Runde wirklich zu Ende zu chanten, und zwar mit Gefühl und Geschmack. Ganz unschuldig und unbedarft war sie davon ausgegangen, dass man mit Gefühl chantet. Dies mag aber seine Zeit brauchen oder auch spontanes Verhalten erforderlich machen entsprechend der Bewegung des Gefühls. Und es mag erforderlich machen, zumindest die Option offen zu halten, auch vor Beendigung der Runde aufzuhören, z.B. nach 30 Minuten. Je schneller jemand eine Runde chantet, umso weniger fallen diese Überlegungen ins Gewicht. Im vorliegenden Fallbeispiel jedoch spielen diese Dinge eine große Rolle. Es soll auch nur als ein Beispiel dienen. Jedoch ist es Fakt, dass die Stimmung dieser Frau verdorben war. Das hat sie mir deutlich gesagt. Nur durch intensives Predigen und die Erklärung, wie sie im Vers 2.40 von Gurudeva gegeben wird, konnte ich sie wieder besänftigen. Auf diese Weise kursieren viele fehlerhafte Konzepte bei den Devotees, die aus materiellen Vorstellungen des karma-yoga und des jnana-yoga stammen. Diese werden leichtfertig an unwissende und unschuldige Menschen weitergegeben, meist nur, um Druck zu machen und den eigenen Führungsanspruch sicherzustellen. Die in diesem Fall betroffene Person wehrte sich gegen diese Angstmacherei. Wieviele andere Menschen jedoch fügen sich diesen Angstkonzepten, um von da an noch gebeugter und noch gebrochener durchs Leben zu gehen?

Wie oben ausgeführt, laufen die materiellen Handlungen in der Übergangsphase zur 24-stündigen bhakti noch mit. Sie können nicht vorzeitig aufgegeben werden. Diese Tätigkeiten künstlich zu unterbinden funktioniert nicht. Dies wird in Vers 3.4-5 der Gita ausgesagt.

»Man kann nicht einfach dadurch, dass man sich von Arbeit zurückzieht, Freiheit von Reaktionen erlangen, ebenso wie man durch Entsagung allein keine Vollkommenheit erreichen kann. Jeder ist gezwungen, hilflos nach den Drängen zu handeln, die von den Erscheinungsweisen der materiellen Natur hervorgerufen werden; deshalb kann niemand auch nur für einen Augenblick aufhören, etwas zu tun.« (Vgl. auch 3.33, 18.11, 18.40, 18.60)8

Kommentar: In diesem Vers wie in einigen anderen in der Bhagavad-gita und dem Srimad Bhagavatam wird deutlich gesagt, dass Entsagung nicht zum gewünschten Ziel führt. Die Idee, dass durch Entsagung bhakti erreicht werden könne, ist im Grunde eine dämonische Idee. Sie impliziert, dass durch die eigene Leistung und Kontrolle die Vollkommenheit erreicht werden könne. Damit wäre bhakti kontrollierbar und abhängig, das heißt sie unterläge Bedingungen und wäre also auf der bedingten Ebene. Bhakti ist jedoch völlig frei, unabhängig, unbeherrschbar und unkontrollierbar. Sie kommt und geht wann sie will, und wählt sich aus, wen sie will. Sehr oft kann man beobachten, dass bhakti sich in Menschen manifestiert, die keinerlei Einweihung haben, nicht den vier regulierenden Prinzipien folgen und keine regelmäßige Praxis der japa ausüben. Alle, die schwere Entsagung auf sich nehmen, um ihre Hingabe zu intensivieren, müssen sich darüber klar sein, dass dies eine freiwillige Leistung ist, die nicht unbedingt notwendig ist. Wer das möchte, kann sich frei dafür entscheiden. Wer das will, kann das tun. Aber es ist nicht zwingend notwendig für bhakti. Wenn nun jemand sagt: »Ja dann könnte ich das auch bleiben lassen. Warum sollte ich leiden, wenn andere bhakti ohne Entsagung erreichen können? Wo kämen wir denn da hin, wenn das einfach so ginge?«, dann muss er sich fragen, ob seine Entsagung auf den richtigen Füßen steht. Wenn sie davon abhängig ist, dass andere mit leiden, dann ist es eine neurotische Form der Entsagung, die nicht zum spirituellen Ziel der freudvollen Liebe für Krishna führt. Wenn er sich darüber ärgert, dass ein anderer Devotee diese Entsagungen nicht ausführt, ist das Neid. Er kann die Entsagung ausführen, und wenn er den Vorteil und den Nutzen davon erkennt, dann ist er mit sich und seiner Handlung zufrieden, ohne davon abhängig zu sein, dass andere die Entsagung ebenfalls ausführen. Vielmehr entwickelt er Mitleid mit den anderen Seelen, die zu dieser Entsagung nicht in der Lage sind. Er wird aber niemals auf die Idee kommen, den anderen anzuklagen, zu verurteilen und zu verfolgen. Sobald deine Entsagung in diese Bahn gerät, solltest du sie aufgeben.

»Reiner hingebungsvoller Dienst im Krishna-Bewusstsein kann man nicht einmal dadurch erreichen, dass man in Hunderttausenden von Leben fromm handelt. Er kann nur erreicht werden, wenn man einen Preis bezahlt – nämlich starke Gier, in zu bekommen. Wenn er irgendwo erhältlich ist, muss man ihn ohne Zögern kaufen.«9

Kommentar: Auch in diesem Vers aus dem Ray Ramananda-samvada, dem legendären Gespräch zwischen Sri Caitanya Mahaprabhu und Raya Ramananda, wird eindeutig erklärt, dass es nicht notwendig ist, fromm zu handeln. Frömmigkeit ist keine Bedingung für bhakti. Es geht hier um den Unterschied von Religion und Spiritualität. Religion befindet sich auf der materiellen Ebene von sattva-guna. Es geht darum, moralisch zu handeln, anständig zu sein und sich der sozialen Kontrolle zu unterwerfen. Spiritualität demgegenüber meint die transzendentale Ebene jenseits äußerlicher Bedingungen, nirguna, die reine, ewige Wahrheit jenseits aller Bedingtheiten, sozialer Relativität, moralischer Disziplinierung. Religion ist die Disziplinierung des Egos, Spiritualität seine Transformierung. Wenn das Ego transformiert ist, wenn es zu Radha-dasi geworden ist, gibt es keine Frage von Disziplinierung mehr. Alle transzendentale Philosophie muss an diesem Zustand ansetzen, an dem vollkommenen Zustand, nicht an dem unvollkommenen oder falschen Zustand. Wenn wir Radha-dasi sind und spontane, frei fließende und unregulierte Hingabe und Liebe zu Radha-Krishna haben, spielen moralische Vorschriften keine Rolle mehr. Somit sind diese nicht Bestandteil der Transzendenz und auch nicht Bestandteil einer transzendentalen siddhanta. Vielmehr gehen Vorschriften immer nur unter dem Primat des vorausgesetzten Verdachts der Sünde in die Betrachtung ein. Sie erzeugen damit ein repressives Kontinuum, dass die seelischen Regungen des Lebewesens generell unterdrückt. Dies ist der Zustand des nitya badha, des ewigen Bedingtseins. Also die Regulierung selbst verursacht die Bedingtheit. Die Idee, durch Einhaltung der Regeln bhakti zu bekommen, ist eine nicht-transzendentale Idee, die in den Bereich von karma-misrabhakti und jnana-misrabhakti fällt. Diese Strategie mag unter Umständen notwendig sein, und zwar immer dann, wenn wir es mit äußerst primitiven und sehr materialistischen und unkultivierten Bevölkerungsgruppen zu tun haben. Sie ist die primitivste Strategie überhaupt. Beim heutigen Stand der Entwicklung des Bewusstseins in den westlichen Kulturnationen greift diese primitive Strategie praktisch nicht.

Eine Strategie, die auf der befreiten Ebene ansetzt, arbeitet nicht mit Repression und Unterdrückung, sondern mit Attraktion und Anziehung. Krishna ist der Allanziehende, nicht der Allabdrückende. Die Unterdrückung oder Blockierung von Gefühlen, weil diese »schlecht« sind, führt zu einer generellen Unterdrückung der Gefühle. Die Gefühle sind jedoch die Kernessenz von rasa. Um zu einer Anziehung, zu einem Gefühl für Krishna zu kommen, ist es wesentlich vorteilhafter, die Gefühle frei fließen zu lassen. Zumindestens in der Anfängerphase ist es deshalb notwendig, die Gefühle generell und unbesehen ihrer moralischen Bewertung fließen zu lassen. Dadurch entsteht die Fähigkeit, mit den eigenen Gefühlen umzugehen, sie wahrzunehmen, sie zu erkennen, zu lernen sie zu unterscheiden und zu lernen, ihnen zu folgen. Auf einer fortgeschrittenen Stufe der bhakti, wenn wir einen sicheren Zugang zur bhava haben, damit vertraut sind und die bhava erkennen und unterscheiden können10, können wir damit beginnen, Gefühle gegenüber materiellen Objekten und Tätigkeiten zurückzuziehen – wenn dies überhaupt notwendig ist. In der Regel ist dies nicht notwendig, da die transzendentalen Gefühle auf maximale effektive Weise den Spiegel des Herzens reinigen und den Geschmack an materiellen Dingen zum Verschwinden bringen. Es ist also am besten, direkt und unmittelbar den Gefühlen zu folgen. Auch wenn dies auf der Anfängerstufe teilweise materielle und teilweise spirituelle Handlung nach sich zieht, also nicht ausschließlich spirituelle Handlung. Materielle und spirituelle Handlung laufen parallel in einer laminaren Strömung, das heißt die beiden Substanzen existieren nebeneinander ohne sich zu vermischen. Bhagavad-gita, Vers 13.33: »Auf Grund seiner feinstofflichen Natur vermischt sich der Himmel mit keinem anderen Element, obwohl er alldurchdringend ist. In ähnlicher Weise vermischt sich die Seele, die in der Sicht des brahman verankert ist, nicht mit dem Körper, obwohl sie sich im Körper befindet.« Es ist nicht notwendig, gegen die materiellen Gefühle anzukämpfen. Sie sind uns erlaubt in dem Sinne, dass wir eben gefallene, bedingte Seelen sind und damit Anwärter auf die grundlose Barmherzigkeit von Guru und Krishna. Natürlich sollen diese materiellen Gefühle verschwinden. Da sie sich auf materielle, zeitweilige Objekte beziehen, sind sie selbst zeitweilig und somit nicht Bestandteil der Transzendenz. Mit dem Anwachsen der transzendentalen Gefühle verschwinden die materiellen Gefühle automatisch. Darüber müssen wir uns keinerlei Sorgen machen. »Don’t worry«, pflegt mein spirituelle Meister zu sagen. Um es noch einmal zu erwähnen, es geht nicht um eine neue Definition davon, was das höchste Ziel sei, sondern wie man dort hingelangt. Es geht nicht um ein Plädoyer für materielle Gefühle, sondern um die richtige Reihenfolge. Materielle Gefühle wie generell alle materiellen Anhaftungen und Identifikationen können nicht ersatzlos abgeschafft werden. Vorher muss eine Alternative vorhanden seien, sprich eine persönliche spirituelle Erfahrung der transzendentalen Gefühle. Diese treten unabhängig davon auf, ob es noch materielle Bewusstseinselemente gibt oder nicht. Wie Vers 13.33 sagt, handelt es sich dabei um laminaren Strömungen, also Strömungen, die nebeneinander existieren ohne sich zu vermischen.

In der Bhagavad-gita findet sich folgender Vers, der die neutrale Haltung gegenüber frommen und sündhaften Handlungen bestätigt:

»Ein Mensch gilt als selbstverwirklicht und wird als Yogi bezeichnet, wenn er kraft gelernten und verwirklichten Wissens völlig zufrieden ist. Ein solcher Mensch ist in der Transzendenz verankert und selbstbeherrscht. Es sieht alles – ob Kiesel, Steine oder Gold – als gleich an. Als noch weiter fortgeschritten gilt derjenige, der aufrichtige Gönner, zugeneigte Wohltäter, Neutralgesinnte, Vermittler und Neider, Freunde und Feinde sowie die Frommen und die Sünder alle mit gleicher Geisteshaltung sieht.« (Bhagavad-gita 6.8-9)

Kommentar: Diese Beschreibungen der Transzendenz, wie sie in den beiden zitierten Versen der Bhagavad-gita zum Ausdruck kommen, bilden den größten Anteil in der Bhagavad-gita. Eine Vielzahl von Versen beschreibt immer wieder diese transzendentales Sicht (2.56-57, 4.22, 5.18, 6.29-30, 12.13-20, 13.29-31, 14.22, 15.5, 18.20, 18.51-53).11 Es kann also davon ausgegangen werden, dass Krishna das Verständnis dieser Geisteshaltung sehr wichtig ist. Immer wieder beschreibt er sie als Grundvoraussetzung für bhakti. Diese Geisteshaltung selbst ist noch keine bhakti. Sie ist die Sicht des brahman. Gleichwohl ist die Sicht des brahman12 und die Ebene des jnana13 die grundlegende Ebene, von der aus bhakti zu erreichen ist. Wie der Vers ausdrückt, geht es darum, die Dualitäten von Annehmen und Ablehnen zu überschreiten. Der Weise sieht alle mit gleichen Augen (5.18)14. Die wichtigste Aussage in diesen beiden Versen ist, dass der Mensch mit transzendentaler Sicht keinen Unterschied zwischen Frommen und Sündern macht. Hier wird eindeutig und von höchster Stelle (Krishna) ausgesagt, dass die Unterscheidung im Fromme und Sünder keine Eigenschaft der Transzendenz ist. In seinem Kommentar zum 10. Canto des Srimad Bhagavatam sagt Srila Visvanatha Cakravarti Thakura: »Trennung von Krishna wird nicht durch Sünde verursacht, und die Zusammenkunft mit Krishna wird nicht durch Frömmigkeit verursacht.« (SB 10.29.10-11, Erläuterung)

Wie muss also ein Lebewesen gesehen werden, wenn ich es nicht mehr als fromm oder sündig, zugeneigt oder abgeneigt, gut oder schlecht ansehe? Diese Frage wird von Krishna in der Bhagavad-gita vielfach aus verschiedenen Blickwinkeln beantwortet. Immer wieder wird ausgesagt, dass der Weise jedem Lebewesen ein Freund ist und für jedes Lebewesen Mitgefühl hat15. Hier wird die Ebene von uttamabhakti angesprochen. Der Gottgeweihte auf der höchsten Stufe von bhakti sieht Krishna überall (»Vasudeva sarvam iti«, Vasudeva, Krishna, ist gewiss alles, Vers 7.19), und da er voller Liebe für Krishna ist, liebt er auch die Dinge, die Krishna gehören, nämlich seine Schöpfung mitsamt all den Lebewesen, denn er sieht, dass sie alle ewige Teile von Krishna sind. Wo immer er ein Lebewesen sieht, sieht er in ihm sofort einen Gottgeweihten und hat den Impuls, diesem Lebewesen seine Ehrerbietungen darzubringen. Er ist in einer ständigen Ekstase, da er überall Krishna und Gottgeweihte sieht. Dies bedeutet nicht, dass er in jedem Menschen oder Lebewesen nur noch vollkommene Qualitäten sieht. Er sieht den Einzelnen nicht mehr als Einzelnen, er hat wie eine Art Distanz, er sieht die materiellen Unterschiede nicht mehr, da seine Aufmerksamkeit nicht mehr auf ihnen liegt.

In der Bhagavad-gita heißt es, dass der Mensch, der seinem eigenen innersten Wesen und damit seiner Bestimmung folgt, Vollkommenheit erlangen wird.

»Es ist weit besser, sein sva-dharma (seine eigene wesensgemäße Aufgabe) zu erfüllen, selbst wenn dies fehlerhaft geschieht, als das dharma eines anderen vollkommen zu erfüllen. Es ist besser, bei der Erfüllung seines sva-dharma unterzugehen, als dem dharma eines anderen nachzukommen, denn dem Pfad eines anderen zu folgen ist gefährlich.« (3.35)

»Es ist besser, der eigenen Beschäftigung (sva-dharma) nachzugehen – selbst wenn man sie unvollkommen ausführt –, als die Beschäftigung eines anderen anzunehmen und sie vollkommen auszuführen. Tätigkeiten, die der eigenen Natur entsprechen (sva-bhava), werden niemals von sündhaften Reaktionen berührt.« (18.47)16

Sri Aurobindo, der auf seine Weise ein Geweihter von Krishna war, führt zu diesen Versen aus: »Die Art, wie der gewöhnliche Mensch individuell und gesellschaftlich lebt, scheint im Widerspruch zu diesen Prinzipien zu stehen. Denn wir schleppen ganz gewiss eine schreckliche Last von äußerem Zwang, von Regeln und Gesetzen mit uns. In jedem Augenblick wird von dort her auf uns eingewirkt: auf unser Bedürfnis nach Ausdruck unseres Selbst, nach der Entfaltung unserer wahren Person, unserer wirklichen Seele. Das innerste, charakteristische Gesetz unsere Art im Leben wird in jedem Augenblick verletzt, beeinträchtigt, von seiner Bahn abgetrennt, durch die Einflüsse aus der Umgebung wird ihm nur eine geringe Chance und Entfaltungsmöglichkeit gegeben. Das Leben, der Staat, die Gesellschaft, die Familie und alle uns umgebenden Mächte scheinen verschworen zu sein, unserem Geist ihr Joch aufzuzwingen, uns in ihre Modelle zu zwängen, uns ihr mechanisches Interesse, ihre primitive unmittelbare Umgangsform aufzulegen. Wir werden zu Teilen einer Maschine.«

In der Bhagavad-gita wird gerade diese Notwendigkeit, sich aus einer solchen Fremdbestimmung zu befreien, besonders betont. Krishna belehrt Arjuna, dass es sogar besser ist, fehlerhaft dem eigenen Gesetz zu folgen, als perfekt dem eines anderen. Denn je mehr der Mensch den Mut hat, seinen inneren Wesen gemäß zu leben, umso mehr wird sich das Seelische offenbaren.17

Zur Psychologie

Sigmund Freud unterscheidet in der Psychoanalyse zwischen Es, Ich und Über-Ich. Das Es ist die allgemeine Triebstruktur, das Über-Ich ist der innere Richter, und das Ich ist die erwachsene, gesunde, genussfähige Person, das Ergebnis einer gesunden und harmonischen Mischung aus den beiden anderen. Die Regeln und Gesetze gehen von dem Über-Ich, von dem Richter aus und bewirken maschinelles Handeln. Das Gefühl wird blockiert, da es von vornherein unter dem Verdacht steht, sich schlechten, also materiellen oder egoistischen Motiven zu bedienen. Nun ist aber rasa oder bhava ein Gefühl. Mit der Blockierung des Gefühls wird also auch bhava blockiert. Dem Devotee ist es unter der Steuerung durch Regeln kaum noch möglich, bhava zu erleben. Die Befreiung des Gefühls bedeutet zunächst die Zulassung aller Arten von Gefühl, sowohl materieller als auch spiritueller. Es wird keine Unterscheidung zwischen Gut und Schlecht gemacht. Das Gefühl gibt Energie. Dadurch wird die Person energetisch stärker, und höhere Funktionen der Selbstwahrnehmung und des Bewusstseins werden aktiviert. Das Gefühl erfüllt, es macht glücklich und zufrieden. In diesem Zustand ist es möglich, die Transzendenz sehr leicht zu erfahren, da der Mensch in sich zufrieden ist, in sich ruht, zentriert ist und frei, sich mit den höheren Bewusstseinsebenen jenseits des Egos zu verbinden. Essenziell und entscheidend ist jedoch die Beschäftigung mit den spirituellen Inhalten, sprich die Ausführung von bhakti-yoga. Das Erleben des spirituellen Gefühls (bhava) bewirkt eine hochintensive Reinigung des Spiegels des Herzens. Diese Wirkung ist um ein Vielfaches stärker als die mechanische Handlung in äußerlicher Weise. Wir müssen also vom Über-Ich zum Ich kommen, in dem die Interessen von Über-Ich und Es zu einer harmonischen Persönlichkeit integriert wurden. Das Über-Ich und das Es dürfen das Ich nicht kontrollieren, denn das führt zu psychischen Problemen. Im Ich zu sein bedeutet zu wissen, was mir gut tut, was mir gefällt, was ich möchte – mein sva-dharma und sva-bhava. Das Ich ist der genussfähige, erwachsene Mensch, der seine Bedürfnisse anerkennt und in der Lage ist, sie (solange sie keinem anderen Lebewesen schaden) zu erfüllen. Das Es ist notwendig, um diese Bedürfnisse zu erkennen. Das Über-Ich ist notwendig, damit die Erfüllung dieser Bedürfnisse nicht einem selbst oder anderen Menschen schadet. Das Ich zu erreichen, bedeutet die Befreiung. Auf der befreiten Ebene ist es möglich, zu spüren und zu fühlen. Deshalb heißt es: reine bhakti beginnt auf der befreiten Ebene (SB 3.25.25). Reine bhakti ist raganugabhakti, das reine spirituelle Gefühl der Liebe zu Radha und Krishna in Goloka Vrindavan. Diese bhakti wird nur noch gefühlt. Sie unterliegt nicht mehr der Steuerung durch den Verstand oder die Intelligenz, sondern manifestiert sich spontan, das heißt ungewollt, unbeabsichtigt und ungeplant: »Ein selbstverwirklichter Mensch verfolgt bei der Ausführung seiner Handlungen keine Absicht.« (Bhagavad-gita 3.18). Es ist nicht möglich, Krishna oder bhakti durch unsere Handlung zu beeinflussen: »Es gibt keine Handlung, die mich beeinflusst, denn ich strebe nicht nach den Früchten des Handelns.« (Bhagavad-gita 4.14) Deshalb ist jede unabhängige Bemühung wie Entsagung, fromme Handlungen, Wohltätigkeit, Reinheit nicht in der Lage, bhakti zu geben. Nur bhakti gibt bhakti. Die eigene Bemühung zählt gewiss, man muss sich in die Nähe von guru und sadhu begeben, aber der wesentliche Zugang zu bhakti ist die Mercy, die Barmherzigkeit der Gottgeweihten und Radha-Krishnas. Gerade die bhaktas arbeiten auf hochintensive Weise mit der Energie der Barmherzigkeit und der Gnade. In anderen – monistischen oder buddhistischen – Traditionen, die in der Tat mit selbst generierter Energie arbeiten, da sie kein Konzept eines persönlichen Gottes haben, ist der spirituelle Fortschritt durch die Gnade des spirituellen Meisters nur eine von vielen Möglichkeiten und wird dort »guru-yoga« genannt. Bei den bhaktas hingegen ist die Gnade des gurus (bzw. des sadhus oder generell der anderen Gottgeweihten) so wesentlich, dass sie schon fast die Totalität ausmacht und deswegen vielleicht von manchen Gottgeweihten nicht in ihrer ganzen Tragweite erkannt wird. Die Gnade ist das wesentliche und inhärente Prinzip eines persönlichen Gottes, der von uns verschieden und wesentlich größer und allmächtiger ist als wir, denn Gnade ist das, was von außen oben kommt. Nur die Vollkommenheit Krishnas, sein Ozean der rasas kann uns in diese spirituelle Ebene erheben, unser Leben zur Vollkommenheit bringen, unser Leid und unsere Illusionen beenden etc.

Diese Bedürfnisse, denen wir am Anfang folgen ohne in materielle und spirituelle (asat und sat) zu unterscheiden, werden durch die Ausführung von bhakti Schritt für Schritt gereinigt, das heißt das Individuum verliert den Geschmack an groben materiellen Bedürfnissen und entwickelt nach und nach automatisch Bedürfnisse nach spirituellen Freuden, wie es sie in den bhavas erlebt. Dies entspricht der natürlichen Reihenfolge, wie sie von Srila Visvanatha Cakravarti Thakura in seinem Werk Madhurya Camdambini dargestellt wird. Der erste Schritt ist shraddha, Vertrauen. Vertrauen, dass es Krishna gibt. Wir glauben an Krishna und an seine Geweihten. Der zweite Schritt ist, die Nähe dieser Geweihten zu suchen (sadhu-sanga). In der Gesellschaft der Geweihten führt man automatisch bhajan aus (bhajana-kriya), das ist die dritte Stufe. Danach, und wirklich erst danach, ändern sich die Bedürfnisse durch die Reinigung des Spiegels des Herzens (ceto darpana marjanam). Diese vierte Stufe heißt deshalb anartha-nivritti, das Aufgeben schlechter Gewohnheiten und materieller Bedürfnisse.

Die Devotees im Westen haben dieses Prinzip umgedreht. Bevor man shraddha hat und bevor einem sadhu-sanga erlaubt wird und man bhajan machen darf, muss man anartha-nivritti erreicht haben. Das Glaubenssystem suggeriert, dass es sündhaft ist, sadhu-sanga oder bhajana-kriya auszuführen, wenn man »unrein« ist. Wie viele Tausende von Menschen haben sich schon von dem Pfad der bhakti abgewendet, weil sie mit ihrer »Unreinheit« psychisch nicht klar gekommen sind. Keiner von diesen Menschen wollte Krishna, sadhu-sanga oder den bhajan aufgeben. Sie sind nur an den Depressionen gescheitert, die ihnen das unerreichbare Ideal der absoluten Reinheit und Sündlosigkeit verursachten.

Reinheit hat mit bhakti nichts zu tun. Sie ist eine Kategorie aus karma und jnana. Bhakti mit Reinheit vermischt ist somit karma-misrabhakti und jnana-misrabhakti, also keine reine bhakti. Wobei ich hier bewusst den Ausdruck »reine« bhakti verwende. Der Unterschied ist, dass hier »rein« die Eigenschaft von bhakti ist, also als Eigenschaftswort die Eigenschaft eines Subjekts bezeichnet. Dies ist ein himmelweiter Unterschied zu der Substantivierung von Reinheit als allein stehende, unabhängige Größe. Reine bhakti: die Betonung liegt auf »bhakti«, nicht auf »rein«. »Rein« ist als Attribut von dem Subjekt abhängig und somit diesem untergeordnet. Außerdem bezieht sich diese Reinheit nur auf bhakti, nicht auf äußere Strukturen. Reinheit als Qualifizierung ist nur in Bezug auf Krishna, Radha, die Gopis und bhakti zulässig. Die Ausweitung der Reinheit auf äußere Strukturen, z.B. den materiellen Körper oder materielle Gegenstände, ist unzulässig. Ihre Interpretation als alleinstehendes, unabhängig wirkendes Prinzip – Reinheit an und für sich – ist unzulässig in visuddhabhakti. Die Substantivierung der Reinheit ist die materielle Erscheinungsweise von sattva-guna. Wir befinden uns damit auf der Ebene materieller Religionen, aber nicht auf der Ebene der Spiritualität. Es ist diese Art von Religionen, die wir gemäß Krishnas Empfehlung aufgeben sollen (Bhagavad-gita 18.66). Reinheit in Bezug auf den materiellen Körper und die materielle Welt zu verwenden führt zu dem Konzept der Unreinheit des Körpers und der Welt. Der Körper und die Welt werden als schmutzig, sündig und falsch angesehen, also negativ besetzt. Der einzelne Mensch gerät damit in unheilvolle Widersprüche mit sich und seiner Umwelt, die er nur durch extreme Isolation aufrechterhalten kann. Dies ist, was wir in den frühen Jahren des Krishna-Bewusstseins im Westen allerorten beobachten konnten, einen extremen Rückzug von der Welt und vom Körper, die so genannte Weltflucht der Jenseitsreligionen. Jeglicher Kontakt mit den »unreinen karmis« wurde vermieden. Es wurde gesagt, man darf kein Gemeinschaft nehmen, sondern nur Gemeinschaft geben. Dies ist der autoritäre, patriarchale Kontrollgedanke. Nur der größte Dummkopf lässt sich dies auf die Dauer gefallen, und dies ist der Grund, warum das Predigen keinen Erfolg hat und warum darauf oft nur Gestrandete, gescheiterte Existenzen, psychisch Kranke ansprechen. Gesunde, erfolgreiche, intelligente Menschen fühlen sich hingegen schnell für dumm verkauft und kommen nicht mehr. Die elitäre Haltung unreifer Devotees tut dann das übrige.

Für den Moment wäre es das Beste, Reinheit überhaupt nicht zum Gegenstand des Predigens zu machen, außer als Attribut von bhakti. Es ist es nicht wert, dafür Menschen von Krishna zurückzuhalten. Reinheit ist kalt, fremd und trennend. Sie gehört, wenn überhaupt, bestenfalls zum aishvarya-bhava. In Vrindavan wirkt sie kontraproduktiv.

Wo kämen wir denn da hin,

wenn jemand ginge, um zu sehen, wohin wir kämen, wenn wir gingen?

Nachdem ich einige Jahre versucht hatte, die vier regulierenden Prinzipien einzuhalten, daran aber regelmäßig gescheitert bin, permanent unter einem schlechten Gewissen litt und darüber hinaus sich auch in den Phasen, in denen ich die Prinzipien einhielt, eher weniger bhakti manifestierte als sonst, entschloss ich mich, auszuprobieren, was passiert, wenn ich mich zwar einerseits nicht an die vier regulierenden Prinzipien bzw. einige Aspekte von ihnen halte, andererseits jedoch frei und unbelastet je nach Geschmack bhakti praktiziere. Ich erkannte, dass das Hauptproblem nicht die materiellen Interessen meinerseits sind, die mich gravierend von Krishna abhalten, sondern das schlechte Gewissen und das daraus resultierende schlechte Selbstgefühl. Das, was mich daran hinderte, in den Tempel zu gehen, die Gemeinschaft der Gottgeweihten zu suchen, Bücher zu lesen und zu chanten, war nicht die Abneigung gegen diese Dinge, sondern die mit der ideologischen Bedeutung befrachtete mentale Angst vor Strafe für meine Unreinheit und Sündigkeit. Es erschien meinem Gemüt besser, diese hingebungsvollen Tätigkeiten aufzugeben, als unerträglich unter den psychischen Ängsten zu leiden, die der mit diesen hingebungsvollen Tätigkeiten verknüpfte ideologische Überbau hervorruft. Die weitergehende Überlegung war dann, was passiert mit meiner bhakti, wenn ich diesen ideologischem Überbau aufgebe. Wenn ich das Konzept von fromm und sündig, von Gut und Böse aufgebe, was passiert dann mit meiner bhakti? Geht sie verloren? Oder wird sie stärker? Die größte und erschreckendste Angst war die, meine bhakti zu verlieren. Alle treuen Diener der Ideologie beeilten sich, mir mit dem Verlust der bhakti zu drohen, wenn ich dem von ihnen fest vorgegebenen Weg nicht exakt folge. Es fand sich niemand, der diesen mir vorschwebenden Weg gegangen war und der mir sagen konnte, was passieren würde. Noch stärkere Angst verursachte der Umstand, dass die Schritte in diese Richtung zum größeren Teil unwiderruflich erscheinen und es zu einem gewissen Grade auch sind. Je mehr man die Kontrolle über die Gefühle und die Handlungen aufgibt, umso mehr muss man darauf vertrauen, dass der- oder dasjenige, was dann die Führung übernimmt (es ist die Seele), zu bhakti führt und nicht zu bhukti (Sinnengenuss). Würde sich alles von selbst richtig ordnen? Würde, wenn sich der natürliche frei fließende lebendige Zustand einstellt, dieser bhakti sein? Oder würde ich, wenn ich nicht mehr mit meiner bewussten mentalen Kontrolle gegensteuere, einfach im materiellen Sumpf versinken? Ist also bhakti die wesensgemäße Natur der Seele oder nicht? Wenn sie es ist, müsste sich bhakti auf natürliche Weise manifestieren, sobald die Seele von ihren Bedeckungen befreit ist, insbesondere von Bedeckungen neurotischer Art, von Zwangsvorstellungen, Autoritätskonflikten, Selbstentfremdung, Persönlichkeitsstörungen, Ängsten aller Art. Also wäre es sinnvoll, zunächst an der eigenen Befreiung zu arbeiten. Befreiung hier jedoch nicht verstanden in dem taktischen Sinne, wie es von Vaishnavas definiert wird (als Freisein von allen materiellen Bedürfnissen), sondern in dem Sinne, wie sie von den Veden selbst im jnana-kanda und auch in der Bhagavad-gita beschrieben wird. Für die Vaishnavas ist Befreiung ein unbedeutendes Nebenprodukt. In der Tat fällt auf der Ebene von suddhabhakti, also reiner transzendentaler bhakti jenseits der drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur das Konzept von Befreiung weg, da es nichts mehr gibt, was uns unfrei macht. Befreiung wird als nicht notwendig erachtet, und viele Vaishnavas scheinen der Meinung zu sein, dass es egal sei, mit welchen Unfreiheiten man an bhakti herangehe. Sie sind der Meinung, man könne von der bedingten Ebene direkt zu suddhabhakti gelangen, zumindestens sei keine besondere Bemühung um Befreiung notwendig. Wie jedoch aus dem bereits zitierten Vers im Srimad Bhagavatam (3.25.25) hervorgeht, beginnt reine bhakti erst nach der Befreiung. Studiert man die Aussagen und Methoden des jnana-yoga, um zu verstehen was moksha ist, so ist moksha zunächst die Befreiung von allen Ängsten und psychischen Leiden. Der unfreie Mensch ist der von sich selbst entfremdete, derjenige, der sich selbst nicht kennt, der nicht selbstverwirklicht ist. Wie aber finde ich heraus, wer ich bin? Nicht nur im allgemeinen, gattungsmäßigen oder metaphysischen Sinn, sondern ganz konkret und individuell, ich, als der, der ich bin und immer schon war, meine ewige, spirituelle Form. Dies finde ich nicht heraus über allgemeine Vorgaben und Regeln von außen, sondern nur von innen her, indem ich in mir spüre und fühle, wo es mich hinzieht. Meine eigene individuelle Form, die singulär und mit niemand anderem vergleichbar ist, ist nicht über Formeln und Abstraktionen zu finden, sondern nur über die sensible und minutiöse innere Erfahrung meiner Stimmungen und Gefühle. Wenn wir diesen Weg gehen, gewinnen wir an zwei Stellen. Erstens verbessert sich der Zugang zu uns selbst, wir kommen zu uns, das heißt wir werden wieder wach, erwachen aus der Ohnmacht. Zweitens sind wir mit diesem Ansatz eh schon auf dem Gebiet, worum es nachher bei suddhabhakti geht: die Stimmungen und Gefühle von ruci, bhava, rati und prema. Es bedarf dann nur noch eines kleinen Schrittes, unsere geschulte Wahrnehmung unserer Gefühle von den zeitweiligen, materiellen Objekten ganz auf die transzendentalen Objekte der Verehrung und der Liebe zu richten: Radha-Krishna yugala-kisora. Befreiung bedeutet, lernen zu fühlen. Befreiung bedeutet, die eigenen gefühlten Bedürfnisse zu erkennen, anzuerkennen und zu erfüllen. Sollte diese Erfüllung in der materiellen Dimension stattfinden, ist das kein Problem. Das Lebewesen erkennt nach und nach die Unzulänglichkeit dieser Erfüllung (die durch ihren zeitweiligen Charakter die Seele nicht befriedigen kann), und gibt diese Objekte auf. Dies ist ein natürlicher Lernprozess, der zwangsläufig und unaufhaltsam zu Krishna führt, ohne dass dazu vorausgesetzte Dogmen, Vorschriften und Kontrollen notwendig sind (Bhagavad-gita, 4.11: Jeder folgt meinem Pfad in jeder Hinsicht.). Der Bewusstseinszustand jenseits der Ideologien, jenseits der Dualität von Gut und Schlecht wird in der Bhagavad-gita als die Ebene des brahman bezeichnet. Dies ist Befreiung, moksha. In diesem Bewusstseinszustand unterliegen die Objekte nicht mehr der Bewertung. Stattdessen sieht man die Energie. Der befreite Zustand ist ein reines SEHEN von Energie. Man sieht völlig unvoreingenommen, was passiert, je nach dem, was ich tue, und wo die größte Energie ist. Wenn etwas ideologisch ist, existiert es nur im Denken und hat keine Energie. Es hat keine Kraft, den Spiegel des Herzens zu reinigen. Je echter und authentischer etwas ist – und diese Echtheit oder Authentizität richtet sich nach der singulären und individuellen Disposition des Einzelnen je nach Ort, Zeit und Umständen –, desto mehr Energie hat es. Es ist völlig unwesentlich, ob dieses etwas gut oder schlecht im Sinne irgendeiner Ideologie oder irgendeines Glaubenssystems ist, ob es materiell oder spirituell ist. Je höher die Energie, desto schneller der Fortschritt in Richtung bhakti. Die Hypothese ist, dass nur im Zustand der vollständigen Authentizität vollständige bhakti zu erlangen ist. Dies steht im Einklang mit der Aussage der Schriften, dass Heuchelei ein sehr großes Hindernis für bhakti ist. Heuchelei, Unehrlichkeit wird als so großes Hindernis betrachtet, dass unser gegenwärtiges Zeitalter, Kali-Yuga, über dieses Attribut definiert ist, als Zeitalter der Streitsucht und Heuchelei. In diesem Sinne sagt Krishna in der Bhagavad-gita (Vers 3.6):

»Wer seine aktiven Sinne von den Sinnesobjekten zurückhält, im Geist jedoch Anhaftung an sie hat, betrügt sich gewiss selbst und ist ein Heuchler.«

Kommentar: Dieser Vers ist von enormer psychologische Tragweite, trifft er doch direkt in den Kern der Neurose. Der neurotische Mensch handelt gegen seine Authentizität, da ihm durch übermächtige Glaubenssysteme, Regeln und Gesetze das Vertrauen zu sich selbst verloren gegangen ist. Er ist von sich selbst entfremdet und handelt nur noch vom Kopf her nach Maßgabe äußerer Autoritäten bzw. seiner inneren Autoriät, dem Über-Ich, dem inneren Richter. Dies ist der generelle Verblendungszusammenhang der menschlichen Kultur, der Versuch der Obrigkeiten, die Menschen unter Kontrolle zu halten. Diese Selbstentfremdung ist die Ursache des Leidens. Der Mensch tut nicht das, was ihm gut tut, was er möchte, sondern was durch Regeln und Gesetze, durch Konventionen oder durch sozialen Druck festgelegt ist. Die Dinge, die er tun möchte, tut er nicht, und die Dinge, die er nicht tun möchte, tut er. Der Ursprung dieser Fehlschaltung liegt in dem Verdacht, dass seine menschlichen Regungen schlecht oder sündig sind. Jegliches Ding und jegliche Kategorie sind künstlich mit einer Wertung besetzt. Die Erkenntnis von etwas verläuft damit über eine falsche Schaltung im Gehirn, es gibt keine unmittelbare Erkenntnis, sondern nur noch eine ideologische, eine über gut und schlecht vermittelte Erkenntnis, was eigentlich gar keine Erkenntnis sondern ein Trugbild ist. Was letztendlich als Gut und Schlecht definiert ist, obliegt der Gewalt der hoheitlichen Instanzen, und unterscheidet sich je nach Religion, Führer und Geschmack.

Krishna argumentiert in der Bhagavad-gita wertfrei. Er stützt seine Ausführungen nicht auf ein Wertsystem, sondern auf die ewigen Wahrheiten, man könnte sagen, er sieht die Energie. Zum Beispiel die Kategorie der Gewalt: Die Frage in der Bhagavad-gita ist nicht die, ob die Gewalt, die in der Schlacht zur Anwendung kommt, gut oder schlecht ist. Der Satz »Gewalt ist gut.« ist genauso falsch wie der Satz »Gewalt ist schlecht.« Die Frage ist vielmehr, unter welchen Bedingungen welche Verhaltensweise das beste Ergebnis erzielt. Je nach Motiv kann die Gewalt richtig oder falsch sein, und Krishna versäumte es nicht, auch die Gewalt in den transzendentalen Raum zu verorten, also die Definition von Gewalt zu geben, unter deren Umständen die Gewalt generell gut ist (Vers 18.17):

»Jemand, der nicht vom falschen Ego motiviert ist und dessen Intelligenz nie in Verwirrung gerät, tötet nicht, selbst wenn er in dieser Welt Menschen tötet. Und er wird durch seine Handlungen auch nicht gebunden.«

Kommentar: Hier wird ausgesagt, dass Gewalt auch im Zustand des transzendentalen Bewusstseins (nicht vom falschen Ego motiviert, nicht verwirrt und keine karmische Bindungen) als Möglichkeit existiert. Dies ist eine Meisterleistung der ideologiefreien Sicht, ist doch gerade Gewalt äußerst tabuisiert und wird doch gerade die transzendentale Möglichkeit der Gewalt von den Machthabern mit Vorliebe ideologisch verschleiert, indem Gewalt als schlecht bewertet wird, dabei verschleiernd, dass die Errichtung der Macht dieser Machthaber durchaus mit Gewalt erfolgte.18

Wie hier an dem einzelnen Beispiel der Gewalt kurz angerissen, zeigt sich generell, dass die feste Verknüpfung von Bewertungen mit Objekten Illusion ist, wohingegen die wertfreie Sicht auf die Objekte die transzendentale Sicht ist. Der Weise sieht alle mit gleichen Augen (Bhagavad-gita 5.18, 6.8-9, 6.29, 6.32, 13.31, 14.22, 18.20).19

Leider ist es so, dass im praktischen Leben der Menschen jegliches Objekt und jegliche Kategorie mit einer Wertung besetzt sind. Diese Bewertung schwingt unausgesprochen mit und ist Ergebnis einer mentalen Setzung, die in der Regel von ethnischen oder weltanschaulichen Gruppen als kollektive Identifikationsfläche genutzt wird. Mann versichert sich über die gemeinsamen Werte der Zusammengehörigkeit und Geborgenheit in der Gruppe. Die Befreiung von dieser wertenden Sicht ist der Eintritt in die Transzendenz.

Wenn nun also der Weg zur Transzendenz der Weg zur Wertfreiheit ist, stellt sich die Frage, wie der Übende, der Anwärter auf die Transzendenz, vorgehen muss. Krishnas sagte ja bereits in dem oben erwähnten Vers 3.6, dass es besser ist, zu den Anhaftungen an die Sinnesobjekte zu stehen, anstatt sich selbst und anderen etwas vor zu machen und so zu tun, als sei man losgelöst, wenn man es noch nicht ist. Die Weiterführung und Ergänzung zu diesem Gedankengang findet sich in Vers 3.33:

»Selbst ein Mensch, der in Wissen gründet, handelt seiner Natur gemäß, denn jeder folgt der Natur, die er entsprechend den drei Erscheinungsweisen angenommen hat. Was kann Verdrängung ausrichten?« (vgl. auch 18.11, 18.40 und 18.60)20

Kommentar: Verdrängung oder Unterdrückung ist genau das, was zu psychischen Krankheiten, zu Depressionen und Neurosen führt. Dieser Vers sagt eindeutig aus, ebenso wie Vers 3.6, dass es besser ist, den inneren Regungen und Impulsen zu folgen. Nun mag die Frage auftauchen, was passiert, wenn diese inneren Regungen zu sündhaften Handlungen führen? Meine Beobachtung ist die, dass dies zu Demut führt. Wenn mir eine innere Regung sagt, ich solle z.B. ein Genussmittel konsumieren, also Sinnesgenuss ausführen, dann führe ich diese Handlungen auch aus und sehe damit, wo ich stehe. Ich sehe, dass ich noch nicht besonders weit bin, und dass noch viel Reinigung notwendig ist, damit diese Bedürfnisse verschwinden. Dies gibt mehr Demut. Wenn ich hingegen nach außen hin den Sinnesobjekten entsage, sieht das nach außen hin gut aus, ich kann Ansehen und Ehre erlangen, woraus sich Stolz entwickeln kann, und ich kann mich vor mir selbst verstecken. Dies ist die Heuchelei nach außen und sich selbst gegenüber. In diesem Sinne sagt Krishna, es ist besser, der eigenen Natur gemäß zu handeln, um dann schrittweise Fortschritt zu machen. Wenn Befreiung bedeutet, die eigenen Bedürfnisse anzuerkennen, dann bedeutet bhakti, die materiellen Bedürfnisse in spirituelle Bedürfnisse zu transformieren. Es ist durchaus wünschenswert, die materiellen Bedürfnisse zu überwinden. Die Frage ist nur, wie? Indem ich sie unterdrücke? Oder indem ich sie transformiere? Wie Krishna sagt, funktioniert Unterdrückung nicht. Dies ist auch die Erkenntnis der modernen Psychologie. Unterdrückung führt zu Blockaden und Panzerungen. Bleibt also die Transformierung. Um die Bedürfnisse zu transformieren, ist es notwendig, diese zuallererst zu erkennen. Wenn ich diese Bedürfnisse permanent unterdrücke, um einer idealen Vorstellung zu folgen, erkenne ich diese Bedürfnisse nicht mehr. Zunächst muss ich also versuchen, diese Bedürfnisse zu erkennen. Das ist das, was mit den Begriffen Authentizität und Ehrlichkeit gemeint ist. Aus der Ehrlichkeit entstehen die Demut und die Offenheit dafür, höheres Wissen anzunehmen. Die Reinigung meiner Bedürfnisse erfolgt durch bhakti. Und das ist der zentrale Punkt. Die Reinigung erfolgt nicht für sich alleine genommen durch Entsagung, sondern durch die Ausführung von bhakti-yoga. Nur bhakti ist in der Lage, diese Reinigung vorzunehmen. Einfach durch das Ausführen von Tätigkeiten des hingebungsvollen Dienstes (sravanam, kirtanam etc.) wird der Spiegel des Herzens gereinigt und nach und nach ändern sich die Bedürfnisse. Es ist also nicht notwendig, direkt in die Bedürfnisse zu intervenieren. Die Loslösung von diesen Bedürfnissen kommt automatisch mit dem Fortschritt in bhakti. Die erwachenden Gefühle und die erwachende Beziehung zu Guru und Krishna ersetzen die alten Bedürfnisse. Es entsteht der höhere Geschmack. Regeln, Vorschriften, Befehle und Verbote sind äußerliche Interventionen in diesen emotionalen Haushalt meiner Bedürfnisse, die vielleicht in akuten Notfällen berechtigt sind, jedoch nicht als allgemeine und ständige Maßnahmen alleingültig den Vorgang des bhakti-yoga bestimmen sollten. Dies ist die primitivste Form der Einflussnahme. Höhere und elegantere Formen der Einflussnahme wären dementsprechend Vorgänge, die über die Anziehung, die Schönheit und Süße Radha-Krishnas und ihrer Gefährten laufen. Dies ist auch viel einfacher, weil damit das Mittel identisch ist mit dem Zweck. Der Zweck ist reine Liebe zu Radha-Krishna, das Mittel ist nicht mehr Angst sondern eben diese Liebe. Die Sachverwalter der Angst und der autoritären Strukturen entbehren vielfach dieser Liebe, weswegen sie keine Alternative haben und ihren Weg als einzig möglichen deklarieren. Bhakti läuft jedoch über die erwachenden Gefühle und Beziehungen zu Guru und Gauranga. Es ist deshalb notwendig, sich sehr genau mit diesen Gefühlen zu beschäftigen, sie kennen zu lernen und nur dann Handlungen der bhakti auszuführen, wenn diese vom Gefühl getragen sind. Nama-abhasa, der Schatten des Heiligen Namens, kann keine Vraja-prema geben (Lecture von Bhaktivedanta Sadhu Maharaj in Dole, 2006), nur der Name, der mit Gefühl, bhava, gechantet wird, reinigt das Herz.

In der wertfreien Perspektive stehen maya und bhakti zunächst neutral nebeneinander. Wenn Dinge mit einer negativen Wertung besetzt werden, gleicht das einer Verfluchung. Diese Verfluchung führt zu einer künstlichen Gewissensnot. Wir sollten den Menschen ihr bisschen maya, ihre kleinen Freuden lassen. Diese verschwinden, sobald der höhere Geschmack stark genug ist, um die materiellen Freuden zu ersetzen. Dies geht ganz natürlich und wächst nach und nach heran. Durch zu hohes Angst- und Bedrohungspotenzial besteht die Gefahr der Zerstörung des Triebes der bhakti-Planze. Die bhakti-Pflanze muss zuerst groß genug sein, um die Aufgaben der materiellen Pflanzen zu übernehmen, nämlich Freude zu fühlen, ausfüllende Beziehungen und Tätigkeiten, Identität, Lebensinhalt. Das läuft alles ohne Zwang, ohne Gebote und Verbote, ohne unterdrückte Regungen, ohne sensorische Deprivation. Aber auch das ist gefährlich. Denn man muss dem Einzelnen seine unbedingte Souveränität einräumen, man hat keine Kontrolle mehr über sein Verhalten und gibt ihm die Macht über seine Handlung in die Hand. Es hängt dann vom Urteilsvermögen des Einzelnen selbst ab, was er tut. Die hier entfaltete Strategie gibt dem Einzelnen diese Selbstbestimmung in die Hand. Aber absolut gesehen ist das die einzige möglich Strategie. Wir sind individuelle Personen. Und damit muss endlich einmal ernst gemacht werden. Es kann nicht angehen, dass dem Menschen immer wieder diese Souveränität abgesprochen wird, indem ihm starre Regeln und Prinzipien als Verhaltensmuster und Formeln aufgedrückt werden. Dies führt zu Persönlichkeitsstörungen. Dem Individuum, dem einzelnen Menschen, muss diese Freiheit und Selbstbestimmung grundsätzlich a priori vor jedem moralischen Urteil eingeräumt werden. Dies ist ein grundlegendes tattva. Das ist die Definition der Person, ihre unbedingte Souveränität unter Menschen. Kein Mensch kann oder darf einen anderen Menschen kontrollieren. Das darf nur Gott (und sein Vertreter, der Guru). Der Mensch ist also von Gott kontrolliert, aber innerhalb der menschlichen Ebene, von Mensch zu Mensch, herrscht Gleichheit und Freiheit. Es geht uns nichts an, was ein anderer tut. Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet. Don’t critizise!

Das Jaiva-dharma zu vaidhi-bhakti

Im 20. Kapitel des Jaiva-dharma wird vaidhi-sadhanabhakti behandelt, also bhakti, die nach äußeren Regeln und Regulierungen ausgeführt wird. Vaidhibhakti ist der grundlegende Rahmen, an dem sich alle Ausführungen hingebungsvoller Tätigkeiten am Anfang des bhakti-yoga orientieren. Da der Übende im Anfangsstadium keine Erfahrung und kein Wissen über diesen Weg hat, ist es geboten, dass er sich an die Angaben hält, die fortgeschrittener Gottgeweihte, mahajanas, auf Grund ihrer eigenen Erfahrungen und den Überlieferungen der ihnen vorangegangen großen Gottgeweihten gemacht haben. In diesem Sinne wird gesagt:

»Seine (des Übenden) bhakti kann niemals ein gutes Ergebnis bringen, wenn sie die Regeln von sruti, smrti, den Puranas und den Pancaratras verletzen. Man sollte verstehen, dass solche unautorisierte bhakti nur Verwirrung und Zerstörung nach sich zieht.«21

Auf der nächsten Seite wird jedoch gesagt:

»Im bhajan der spontanen Hingabe (raga-marga) haben die Regeln von sruti, smrti, den Puranas und den Pancaratras keine Bedeutung. Das einzige Bestreben der Befolger dieses Weges besteht darin, den Einwohnern von Vraja zu folgen, aber die sadhakas, die für vaidhibhakti qualifiziert sind, sollen sich ausschließlich an dem Pfad der bhakti orientieren, wie er von Dhruva, Prahlada, Narada, Vyasa, Suka und anderen mahajanas gezeigt wurde.« (Seite 481)

Kommentar: An dieser Stelle fällt auf, dass so große Gottgeweihte wie Narada Muni, Vyasadeva und Sukadeva Goswami noch zur Kategorie von vaidhibhakti gezählt werden. Wie hoch müssen die Einwohner von Vraja stehen, wenn sie selbst solche großen Gottgeweihten in ihrer bhakti weit übertreffen? Sanatana Goswami hat uns im Brhat-bhagavatamrtam die Stufenfolge der Devotees gegeben (jnani-bhakta (Prahlad Maharaja), suddha-bhakta (Ambarisa Maharaja) siddha-premi-bhakta (Hanuman), prematura-bhakta (Arjuna), premarthma-bhakta (Uddhava). Alle diese großen Gottgeweihten sind noch außerhalb vom Vrajalila. Wann immer man also in den Fußspuren dieser großen Gottgeweihten folgt, folgt man den Prinzipien von vaidhibhakti und kommt nicht nach Goloka Vrindavana, sondern nach Vaikuntha. Es ist nicht möglich, mit vaidhibhakti in das Vraja-lila einzutreten. So sagt Bhaktivinoda Thakura im Jaiva-dharma, Seite 512:

»Der einzige Weg, um Vraja-rasa zu erfahren, besteht darin, raganuga-sadhanabhakti in der Stimmung des parakiya-bhava auszuführen.«

Und im Caitanya caritamrita heißt es:

»Man kann Krishna in Goloka Vrindavan nicht erreichen, wenn man vaidhibhakti ausführt.«22

Dies sind eindeutige Aussagen, denen nichts hinzuzufügen ist.

Eine spezifische Aussage zu Entsagung und eine wunderschöne Beschreibung von bhakti selbst finden sich bei Bhaktivinoda Thakura, wieder im Kapitel über vaidhi-bhakti:

»Praktiken zur Erlangung von Wissen (jnana) und Entsagung (vairagya) mögen bisweilen jemanden darin unterstützen, in den Tempel von bhakti einzutreten, aber jnana und vairagya sind keine Bestandteile von bhakti, denn sie machen das Herz hart, wohingegen bhakti von Natur aus sehr weich und zärtlich ist. Bhaktas mögen jnana und vairagya akzeptieren, das sich im Lauf ihrer Ausführung von bhakti von selbst manifestiert, aber jnana und vairagya können nicht der Grund für bhakti sein, und bhakti gewährt auf sehr einfache Weise die Ergebnisse, die Wissen und Entsagung nicht geben können.« (Seite 494)

Kommentar: Diese Aussage steht im Kapitel über vaidhi-bhakti! Wir sind hier noch nicht mal bei raganugabhakti angekommen, und schon hier wird unmissverständlich klargestellt, dass Entsagung kein Grund für bhakti ist. Es ist also nicht möglich, über Entsagung zu bhakti zu kommen. Umgekehrt, Entsagung ist ein Produkt von bhakti. Es ist möglich, über bhakti zu Entsagung zu kommen. Diese Entsagung, ebenso wie Wissen, ist jedoch nicht das Ziel und kein Inhalt unseres Strebens. Unser Streben zielt einzig und allein auf bhakti. Indem wir bhakti ausführen, manifestiert sich in der Folge Wissen und Entsagung. Zu Ende gedacht bedeutet dies: Der sadhaka beginnt im Zustand der Unwissenheit und ohne Entsagung. Wir führen bhakti aus, ohne Wissen und ohne Entsagung. Es ist nicht nur erlaubt oder statthaft, bhakti im unreinen und unwissenden Zustand auszuführen, sondern es ist der übliche Vorgang. Wir haben gar keine andere Wahl. Künstliche Entsagung, die unabhängig von bhakti ausgeführt wird bzw. als Mittel, um zu bhakti zu gelangen, verstanden wird, ist falsch Entsagung, denn Entsagung ist lediglich ein Nebenprodukt von bhakti.

»Qualitäten wie innere und äußere Reinlichkeit, Entsagung und Sinneskontrolle nehmen Zuflucht bei Krishnas bhaktas nach ihrem eigenen Ermessen; die bhaktas müssen sich nicht extra um sie bemühen.« (Seite 495)

Kommentar: Diese eindeutige Aussage findet sich im letzten Absatz des Kapitals zu vaidhi-sadhana-bhakti. Es ist deshalb davon auszugehen, dass diese Aussage sehr wichtig ist. Auch hier sagt Bhaktivinoda Thakura eindeutig, dass sich der bhakta um diese Dinge nicht extra bemühen muss. Eine natürliche Entfaltung von bhakti setzt an der Anziehung an, die bhakti hat. Nur bhakti hat echte spirituelle Anziehung. Entsagung und Wissen können nur materielle Anziehung haben oder, was meistens der Fall ist, handelt es sich bei Entsagung überhaupt nicht um die Kraft der Anziehung, sondern um die Kraft der Unterdrückung. Also hier wird von Bhaktivinoda Thakura eine klare Trennung der Ebenen vorgenommen. Bhakti und Entsagung sind verschiedene Dinge. Die Ursache ist bhakti, die Wirkung ist Entsagung. Viele dogmatische Devotees, die noch an Konzepten persönlicher Kontrolle und der Vorstellung haften, sie seien die Handelnden, glauben allen Ernstes daran, dass Entsagung die Ursache sei, und bhakti die Wirkung. Dies ist ein völlig falsches Verständnis. Sie haben kein Vertrauen in bhakti, Ihr Verständnis befindet sich auf der Ebene von karma-misrabhakti und jnana-misrabhakti. Das ist noch nicht mal vaidhi-bhakti.

Das Jaiva-dharma zu raganuga-sadhana-bhakti

Nach dem Kapitel über vaidhibhakti folgt im 21. Kapitel des Jaiva-dharma die Erörterung von raganugabhakti. Zunächst wird jedoch eine aufschlussreiche Unterscheidung zwischen vaidhibhakti und raganugabhakti getroffen:

»Die Prinzipien die in vaidhibhakti wirksam sind, sind Angst, Respekt und Ehrfurcht, wohingegen das einzige wirksame Prinzip in raganugabhakti Gier (lobha) in Bezug auf Sri Krishnas lila ist.« (Seite 504)

Kommentar: Hier wird schon deutlich gesagt, wie vaidhibhakti funktioniert, nämlich über Angst. Es ist dies die Angst davor, bestraft zu werden, sei es durch Höllenqualen, Leiden oder den Ausschluss aus der Gemeinschaft. Religion ist Disziplinierung durch Angst. Besser ist es, wenn der Devotee nicht aus Angst den Vorgang der bhakti aufgreift, sondern aus einem positiven Motiv. Es wird hier in den Schriften der Begriff ‚lobha‘ braucht, der mit ‚Gier‘ übersetzt wird. Es wäre jedoch sicherlich nicht völlig abwegig, den im Deutschen geläufigen Begriff der ‚Lust‘ zu verwenden. Der Begriff der Lust ist ja in den leib-und genussfeindlichen Konzepten der Jenseitsreligionen äußerst negativ besetzt, wie im Übrigen auch der Begriff der Gier, er beschreibt jedoch in sehr direkter Weise die Dynamik von raganugabhakti. Ich tue es, weil ich Lust dazu habe. Oder anderes ausgedrückt: weil mein Herz dafür jetzt gerade offen ist. Nicht jeder Zeitpunkt ist gleich gut. Manchmal muss man auf den richtigen Zeitpunkt warten und dann aktiv werden, also nicht geplant und festgelegt, wie es in vaidhibhakti praktiziert wird, sondern spontan dann, wenn die Zeit reif ist. Das allgemeine Verständnis des durchschnittlichen Devotees ist zur Zeit so, dass er denkt, raganugabhakti sei nur dann richtige raganugabhakti, wenn sie ununterbrochen ausgeführt wird. Dies ist sicherlich die vollkommene und höchste Stufe von raganugabhakti. Es wäre jedoch durchaus denkbar anzunehmen, dass raganugabhakti sich auch – analog zu den spurtis und darshans Radha-Krishnas – zeitlich begrenzt manifestieren kann. Diese unterbrochene Form von raganugabhakti wäre das, was in der Regel am Beginn der raganugabhakti am ehesten auftreten würde. Zunächst würde sich raganugabhakti, also das transzendentale Gefühl, zeitweise manifestieren, es würde erscheinen und wieder verschwinden. Diese Zeiträume, in denen die bhava existiert, sind die wertvollen und unersetzbaren Momente, die es zu nutzen gilt, um rapiden Fortschritt zu machen. Sie sind wie Fenster zur spirituellen Welt, und wenn sie geöffnet sind, sollte man die Gelegenheit nutzen, um so viel Licht und Liebe wie möglich ins Herz zu lassen. Diese Liebe reinigt den Spiegel des Herzens und transformiert unsere Bedürfnisse. Wenn ich nun so weit bin, dass mir bhakti ein intensives Bedürfnis ist, und ich ein starkes Verlangen danach habe, bhajan und seva auszuführen, weil mir das so gut tut, dann kann man hier sicherlich von lobha sprechen. Wenn sich dieses Verlangen, dieses Bedürfnis, diese Sehnsucht manifestieren, sind wir auf dem richtigen Weg, dem Weg von raganugabhakti. Das Erwachen dieser Bedürfnisse vollzieht sich sehr schnell, wenn wir den Weg des raganugabhakti beschreiten. Zunächst muss man sich auf die Suche nach dem spirituellen Gefühl machen. Dieses wird sehr selten auftauchen, nur in kurzen Momenten blitzt es auf. Mit der richtigen Aufmerksamkeit und Fähigkeit, diese Momente zu erkennen, können wir diese Gelegenheiten ergreifen, um unserem Geist und Körper eine tiefe spirituelle Erfahrung zu geben. Dies wirkt als positive Verstärkung und wird den Geist dazu bringen, die Wiederholung dieses Glücks anzustreben. Durch die rein positive Erfahrung, die nicht von Angst oder Schuldgefühlen überschattet ist, das Herz nicht eng macht sondern weit, potenziert sich die Wirkung um ein Vielfaches. Es vollzieht sich ein extrem schneller und profunder Fortschritt, der dazu führt, dass die Zeitdauer und Intensität der bhavas immer mehr zunimmt. Außerdem macht man dann die Erfahrung, dass ein nahezu blitzartiger Eintritt in die bhava möglich ist. Man ist eben noch im materiellen Tätigkeiten, zum Beispiel beruflicher Art, beschäftigt, und ein ein- oder zweimaliges Aussprechen der Namen Radhas und Krishnas reichen aus, um in bhava zu kommen. Beispiele dieser Art von bhaktas gibt es im Caitanya-lila, z.B. Pundarika Vidyanidhi, den Gadadhara Pandit als spirituellen Meister annahm.23

Natürlich wird diese Gier noch etwas genauer definiert:

»Jemand der das große Glück hat, dieses starke Verlangen (lobha) nach den bhavas (Gefühle) zu verspüren, die die Vraja-vasis gegenüber Krishna haben, ist dazu geeignet, raganugabhakti auszuführen.« (Seite 504)

Kommentar: Nur die Gefühle gegenüber Krishna und seinen Gefährten haben die Kraft, den Spiegel des Herzens zu reinigen, denn diese Gefühle sind ganz besondere Gefühle. Sie sind nicht mit weltlichen Gefühlen zu vergleichen. Nur wer diese Gefühle ersehnt, ist für raganugabhakti geeignet, so Bhaktivinoda Thakura. Die Sache ist also ganz einfach. Wer immer bei den Erzählungen über die Einwohner von Vraja eine Begierde empfindet, mehr davon zu hören und sich die Frage stellt, wie er selbst an diesen Spielen teilnehmen kann, ist ein geeigneter Kandidat. Meine Erfahrung ist, dass sich sehr sehr viele Menschen dafür interessieren, die die moralische Ebene der Religion, den Schuld und Sühne-Zusammenhang, bereits überschritten haben. Die moralischen Devotees haben sehr große Angst, über das Vraja-lila solchen Menschen gegenüber zu sprechen, da sie sie einer unmoralischen Haltung verdächtigen. Tatsächlich sind diese Menschen jedoch nicht unterhalb der Moral sondern oberhalb von ihr. Sie haben den ideologischen Schleier bereits mehr oder weniger gelüftet, und sind nicht mehr bereit, die Stufe zurück in den mythischen Verschuldungszusammenhang zu gehen, auch wenn sie noch nicht genau wissen, wohin sie ihr Schritt nach vorne führen wird. Zu wissen, wohin dieser Schritt führt, bedeutet, in der Transzendenz angelangt zu sein, denn dies ist der letzte Schritt. Von daher sollte man diesen Menschen keinen Vorwurf machen, wenn Sie keine genauen Vorstellungen von diesem Ziel haben und sich nicht auf eine feste Definition festlegen lassen wollen. Wir als Devotees kennen dieses Ziel sehr gut, aber auch wir haben es nicht erreicht. Wir reden nur davon, theoretisch. Ist es nicht die demütigere Haltung, die Definition des Ziels offen zu lassen, solange man es noch nicht erreicht hat? Ist es nicht redlicher und authentischer, sich die Belehrung zu ersparen, die ohnehin nur eine Kopfgeburt ist? Ist es nicht besser, sich an den eigenen spirituellen Erfahrungen zu orientieren, auch wenn die noch irgendwo auf dem Weg sind? Es ist das Bedürfnis des falschen Egos, Recht zu haben, gut zu sein, an der Spitze zu stehen. Solange der Devotee nichts Eiligeres zu tun hat, als sich seiner absoluten höchsten Position zu vergewissern, der Beste zu sein und die beste Philosophie zu haben, befindet er sich noch auf der Ebene von kanistha-adhikari, und sein sadhana wird kaum, sein Predigen keinerlei Früchte tragen.

»Raganugabhakti gewährt sehr schnell die Früchte, die jemand noch nicht mal erreichen kann, wenn er die Bestandteile von vaidhibhakti mit großem Vertrauen für eine lange Zeit ausführt. Hingabe in vaidhibhakti ist schwach, weil sie von Regeln und Regulierungen abhängt; demgegenüber ist raganugabhakti auf natürliche Weise stark, weil sie vollständig unabhängig ist.« (Seite 505)

Kommentar: Hier wird eindeutig und klar bestätigt, dass die Wirkung von raganugabhakti um ein vielfaches stärker ist als die Wirkung von vaidhibhakti. Dies ist ganz logisch, da der raganuga-bhakta an seinem inneren Gefühl ansetzt. Damit hat seine Handlung und seine Erfahrung eine ganz andere Bedeutung. Sie kommt von innen und manifestiert sich nach außen. Es ist ein Ereignis, das ganz zu unserer vollständigen Persönlichkeit gehört, es ist eine innere Kraft. Demgegenüber ist die Ausführung von vaidhibhakti eine von außen gesteuerte Handlung, die mechanisch ausgeführt wird, in der Hoffnung, dass sich ein Gefühl einstellt. Dies kann passieren, muss aber nicht. Folgerichtiger im Sinne dieses äußerlichen Ansatzes ist, dass die Handlung eine äußerliche bleibt und keine oder kaum innere Erfahrung im Sinne von bhavas ermöglicht. Deshalb ist der Fortschritt auf dem Pfad von vaidhibhakti unendlich viel langsamer als auf dem Pfad von raganugabhakti. Der – zweifelhafte – Vorteil von vaidhibhakti mag darin gesehen werden, dass die Kontrollabsichten des Egos auf diese Weise in den Dienst von bhakti gestellt werden können. Regeln dienen zur Kontrolle; wenn ich die Regeln anwende, bin ich der Kontrollierende. So können die unreinen Neigungen des Egos auf der Ebene der gunas für den Fortschritt eingesetzt werden, und es kann die Ebene von sattva-guna stabilisiert werden. In raganugabhakti jedoch gibt es keine Kontrolle durch den bhakta. Bhakti selbst ist die Kontrollierende. Sie entscheidet frei und unabhängig, wem sie wann und wie lange erscheint. In diesem Sinne sagt Bhaktivinoda Thakura im Jaiva-dharma:

»Ruci, Nirguna ist jenseits von dharma. Es geht nicht mehr um Tugend oder Reinheit, Leidenschaft oder Unwissenheit und die Frage, was von diesen gut oder schlecht ist. Alles was es gibt, geht positiv in die Transzendenz ein, in dem es an den richtigen Platz gestellt wird und in seiner Beziehung zu Krishna gesehen wird. Dann sind auch Gier (lobha), Wut (mana), Lust (kama) oder Besitzdenken (mameta) positiv.24 Jemand auf der Ebene von nirguna sieht keine Unterschiede in den materiellen Designationen mehr. Der gerade zitierte Satz sagt eigentlich aus, dass jemand in sattva-guna die Liebe der Vraja-vasis nicht erfahren kann. Er bleibt auf der moralischen Ebene, die per Definition immer an die materielle Sphäre gebunden ist, da sie eine Antwort auf Probleme und Widersprüche darstellt, die aus materiellen Identifizierungen erwachsen. Es ist gut und richtig, die materielle Sphäre Mithilfe der Moral zu organisieren, um zu einem zivilisierten Umgang der Menschen untereinander und zu einer kultivierten Organisation der Gesellschaft zu kommen. Caritative Tätigkeiten, Freundlichkeit, gegenseitige Hilfe, Tugend und Sauberkeit – alle diese netten moralischen Eigenschaften beziehen sich auf die materielle Sphäre. Wenn jemand zuvor auf der barbarischen Stufe stand und nun aus verschiedenen Gründen zur moralischen Stufe voranschreitet, ist dies ein Anlass zur Freude. Wenn jemand jedoch auf der moralische Stufe ist, und andere daran hindern möchte, auf die nächsthöhere Stufe, die transzendentale Stufe zu gehen, da er dies nicht versteht, ist dies ein Anlass zum Ärgernis. Bhaktivinoda Thakura analysiert diese Phänomene in seinem Buch Caitanya Siksamrita wie auch im Vorwort seiner Krsna Samhita.

In der Bhagavad-gita beschreibt Krishna die Haltung eines Menschen, der die Erscheinungsweisen der Natur transzendiert hat (Vers 14.22-25):

»Die höchste Persönlichkeit Gottes sprach: O Sohn Pandus, wer Erleuchtung, Anhaftung und Täuschung weder hasst, wenn sie auftreten, noch nach ihnen verlangt, wenn sie vergehen; wer trotz all dieser Reaktionen der materiellen Erscheinungsweisen unerschütterlich und unberührt bleibt und seine neutrale, transzendentale Stellung beibehält, da er versteht, dass allein die Erscheinungsweisen wirken (…) von einem solchen Menschen sagt man, er habe die Erscheinungsweisen der Natur transzendiert.«

Kommentar: Erleuchtung, Anhaftung und Täuschung können zu den drei Erscheinungsweisen analog gesetzt werden. Erleuchtung entspricht sattva-guna, Anhaftung entspricht raja-guna und Täuschung entspricht tamas-guna. Dies ist, denke ich, ziemlich eindeutig. Was in diesem Vers also ausgesagt wird, ist, dass Erleuchtung kommt und geht, ebenso wie Anhaftung und Täuschung. Ziel eines transzendentalen Lebens ist also nicht, Anhaftung und Täuschung zu bekämpfen und Erleuchtung anzustreben, was wieder die moralische Ebene der Religion wäre. Wie immer wieder von Krishna betont, geht es darum, frei von Anhaftung und Ablehnung zu werden. Nicht nur Anhaftung ist schlecht, sondern auch Ablehnung. Ablehnung ist nur die andere Seite der Medaille der Anhaftung. Beide sind nicht empfohlene Beziehungen zu den Objekten der materiellen Natur, insofern als beide Formen Leid erzeugen. Alles gehört Krishna, es liegt nicht in unsere Zuständigkeit, diese Dinge zu bewerten. Meist ist auch unsere Intelligenz nicht stark genug, um alle Sinnebenen eines Geschehens zu verstehen. Was in diesem Vers also ausgesagt ist, ist der bereits weiter oben erwähnte intermittierende (unterbrochene) Charakter der Erleuchtung, sowie der Umstand, dass bei Abwesenheit der spirituellen Sphäre natürlich die materielle Sphäre (Anhaftung bzw. Täuschung) anwesend ist. Aber auch darüber beklagt sich der Transzendentalist nicht. Der echte Transzendentalist im materiellen Körper ist sich seiner gefallenen Stellung bewusst und somit zutiefst mit Demut erfüllt. Er wird niemals den Anspruch erheben, zu 100 Prozent und für 24 Stunden am Tag auf der transzendentalen Ebene zu sein. Nach Aussage von Bhaktivedanta Sadhu Maharaja muss selbst ein siddha-purusa ab und zu auf die materielle Ebene herunterkommen, um den Bedürfnissen seines materiellen Körpers gerecht zu werden. Wenn er dies nicht mehr tut, kann er den materiellen Körper nicht erhalten und muss in aufgeben. Der siddha-purusa erhält den materiellen Körper, um auf dieser Ebene die bedingten Lebewesen erreichen zu können. Wenn er den materiellen Körper aufgibt, um am nitya-lila teilzunehmen, kann er das zwar tun, jedoch besteht seine Aufgabe ja darin, den gefallenen Lebewesen seine Barmherzigkeit zu geben. Dazu braucht er den materiellen Körper. Wichtig ist, von dem Absolutheitsdenken wegzukommen, das immer nur Schwarz oder Weiß, 100 Prozent oder 0 Prozent gelten lässt. Verabsolutierende mentale Extrapolationen sind das Ergebnis primitiver dualistischer Denkmethoden, primitiven Schwarzweiß-Denkens. Viel realistischer ist es, Zwischenstufen und Verhältnisse zu betrachten. Oder ist es so verwerflich, wenn ich sage, Rupa Goswami hatte noch eine Verbindung zu seinem materiellen Körper, und sei es nur, um diese wertvollen Schriften zu Papier zu bringen? Wir müssen von diesem absoluten Denken etwas weg kommen. Natürlich geht es uns um die absolute Wahrheit, und da gerät man leicht in die Versuchung, das Absolute als Prinzip über alles drüber zu stülpen, also eine unzulässige Verallgemeinerung des Absoluten zu betreiben – das Absolute selbst zu verabsolutieren. Acintya bheda abheda tattva bedeutet, in Gegensätzen zu denken. Bei einem Gegensatzpaar wie zum Beispiel ‚das Absolute und das Relative‘ geht es nicht darum, dem einen Pol den guten Wert und dem anderen Pol den schlechten Wert zuzuordnen, um sodann nur den guten Pol anzustreben und den schlechten Pol abzulehnen. Es geht vielmehr darum, beide Pole wertfrei anzuwenden. Sobald man wertet, kommt man in Teufels Küche. Das Relative hat ebenso seinen Platz wie das Absolute und es obliegt nicht uns, das eine abzulehnen und zu verteufeln (oder zu ignorieren, was auf das Gleiche herauskommt), während wir das andere in den Himmel heben und verabsolutieren. Die Substanzlosigkeit von Gut und Schlecht wird auch im Caitanya caritamrita erwähnt, z. B. Antya-lila, 4.174 und 4.176:

»Auf der transzendentalen Ebene gibt es kein ‚höher‘ oder ’niedriger‘, ‚rein‘ oder ‚unrein‘.«

»In der materiellen Welt sind Vorstellungen von Gut und Schlecht allesamt Spekulationen des Geistes. Wenn man deswegen sagt: ‚Das ist gut, und das ist schlecht‘, so ist beides ein Fehler.«

Die Frage der Dualität ist grundlegend und wird natürlich auch in der Bhagavad-gita behandelt. Ein zentraler Vers im zweiten Kapitel ist Vers 45:

»Die Veden behandeln hauptsächlich die drei gunas. O Arjuna, transzendiere diese drei gunas (nistrai-gunyah), sei frei von allen Dualitäten (nirdvandvah), frei von Sorge um Gewinn und Sicherheit (niryoga-ksemah) und sei im Selbst verankert (atma-van).«

Kommentar: Dieser Vers sagt eindeutig aus, dass wir von der Stufe von guna auf die Stufe von nirguna kommen sollen. Gleichwohl geht aus vielen Stellen der sastra wie auch aus den Kommentaren hervor, dass die drei gunas das Medium sind, in dem wir uns bewegen. In diesem Sinne gibt es für sattva-guna eine doppelte Bedeutung, einmal als materielle Erscheinungsweise der Reinheit und zum anderen als transzendentale Ebene (suddha-sattva). Auch hier finden wir eine bheda-abheda-Verknüpfung. Sattva ist sowohl die Transzendenz als auch nicht die Transzendenz. Zur Dualität vgl. auch die Verse 4.22, 7.27 und 13.22.25

Die Frage, zu welchem Anteil ein Devotee einen materiellen bzw. einen spirituellen Körper hat, wird von Srila Visvanatha Cakravarti Thakura in seinem Kommentar zu Vers 10.29.10-11 im Srimad Bhagavatam diskutiert:

»Entsprechend der Stufe, die der hingebungsvolle Dienst von jemandem erreicht hat, zu diesem Grad werden die transzendentalen Aspekte seines Körpers vorherrschend, und die materiellen Aspekte verringern sich. Diese Transformation wird in den folgenden Vers des Srimad Bhagavatam beschrieben (11.2.42): ‚Mit jedem Bissen Nahrung, die eine Person zu sich nimmt, erscheinen sofort drei Aspekte gleichzeitig: Zufriedenheit, Genährtwerden und das Ende des Hungers. In ähnlicher Weise erfahren hingegebene Seelen im bhajan gleichzeitig drei Effekte: das Erwachen von bhakti, die auf prema zielt, die direkte Manifestation der geliebten Form des Herrn und Loslösung von materiellen Objekten.‘ Diejenigen, die nur ein wenig Essen zu sich nehmen, erreichen damit eine geringe Befriedigung, wenig Ernährung und einen leichten Rückgang des Hungers. In gleicher Weise erreichen diejenigen, die nur wenig Hören und Chanten über Krishna ausführen, geringe bhakti, etwas Verwirklichung des Herrn und wenig Loslösung. Wenn jedoch jemand unvermischte Krishna-prema erlangt, verschwinden die materiellen Anteile seines Körpers und der Körper wird vollständig spirituell.«26

Kommentar: In diesen Ausführungen werden zwei Aspekte genannt. Erstens gibt es eine graduelle Abstufung zwischen materiell und spirituell. Je mehr spirituelle Handlungen jemand ausführt, desto spiritueller wird sein Körper und desto mehr gehen die materiellen Aspekte zurück. Es bleiben also beide Teile in unterschiedlichen anteiligen Verhältnissen erhalten. Im gleichen Kommentar kurz vorher sagt Srila Visvanatha Cakravarti Thakura: »Manchmal nehmen die Gottgeweihten weltlichen Klang und weltliche Geschmäcker als ihre Sinnesobjekte an, und das ist materiell. Somit kann der Körper eines Devotees zwei Aspekte haben, transzendental (nirguna) und materiell (guna-mayam).« (Seite 300) Der Körper des Gottgeweihten kann also eine materielle und eine spirituelle Komponente haben, die je nach Intensität seiner bhakti variieren. Im vollkommenen Fall, und das ist der zweite Aspekt diese Ausführungen, wird der Körper vollkommen spirituell. Wichtig in unserem Zusammenhang ist hier, dass im Devotee beide Anteile, der spirituelle und der materielle, präsent sein können.

Im Ray Ramananda-samvad fragt Caitanya Mahaprabhu Raya Ramananda nach dem endgültigen Ziel des Lebens. Raya Ramananda antwortet, das höchste Ziel des Lebens sei es, dem varnasrama-System zu folgen (Caitanya caritamrita, Madhya-lila, 8.57-58). Doch Caitanya lehnt dies als äußerlich ab, woraufhin Raya Ramananda sagt:

»Seine tätigkeitsgemäßen Pflichten im varnasrama aufzugeben, ist die Essenz der Vollkommenheit.« (8.61) »Als Sri Caitanya Mahaprabhu Ramananda Raya so sprechen hörte, sagte er: »Sprich weiter und sage etwas mehr.« (8.64)

Kommentar: Erst an dieser Stelle, als Raya Ramananda die äußerlichen gesellschaftlichen Pflichten des varnasrama abgelehnt hat, akzeptiert Caitanya und ermutigt ihn nun, weiter zu sprechen. Im weiteren Verlauf dieses Gesprächs wird Raya Ramananda von Caitanya immer wieder aufgefordert, die nächsthöhere Schlussfolgerung zu präsentieren. So schreiten sie fort von verschiedenen Formen der bhakti bis zur raganugabhakti. An dieser Stelle sagte Caitanya: »Das ist in Ordnung, aber wenn du mehr weißt, sage es mir bitte.« (8.71) In der Folge wird raganugabhakti weiter differenziert in die fünf Haupt-rasas und erklimmt immer höhere Ebenen der vertraulichen Liebesbeziehungen zu Krishna.

In Vers 8.220 findet sich die deutliche Aussage:

»Jemand, der sich von dieser ekstatischen Liebe der Gopis angezogen fühlt, kümmert sich nicht um die regulierenden Prinzipien des vedischen Lebens oder die öffentliche Meinung. Er beschäftigt sich nur noch in Krishna-bhajan.«

Erläuterung von Bhaktivedanta Swami Prabhupada: »In Vraja gibt es keine regulierenden Prinzipien für den Dienst an Krishna. Vielmehr wird alles in spontaner, natürlicher Liebe zu Krishna ausgeführt. Es kann keine Rede davon sein, den Prinzipien des vedischen Systems zu folgen. Solche Prinzipien werden in der materiellen Welt befolgt, und solange man sich auf der materiellen Ebene befindet, muss man sie ausführen. Spontane Liebe zu Krishna jedoch ist transzendental. Es mag scheinen, als würden die regulierenden Prinzipien verletzt werden, doch befindet sich der Gottgeweihte auf der transzendentalen Ebene. Dieser Dienst wird gunatita oder nirguna genannt, denn er ist von den drei Erscheinungsweisen der materiellen Natur nicht verunreinigt.« (Vers 221, Erläuterung)

Wie um die ganze Angelegenheit auf die Spitze zu treiben und die endgültige und klare Schlussfolgerungen zu präsentieren folgt in Vers 226 folgende Aussage:

»Das Wort ‚anghri-padma-sudha‘ bedeutet ‚eng mit Krishna zusammen sein‘. Man kann diese Vollkommenheiten nur durch spontane Liebe zu Gott erreichen. Man kann Krishna in Goloka Vrindavan nicht erreichen, wenn man vaidhibhakti ausführt.«

Kommentar: Nach Aussage von Ramananda Raya, der von Caitanya im Herzen inspiriert war, ist es also eindeutig, dass Vraja-prema nur in raganugabhakti zu erreichen ist. Vraja-prema ist nicht durch vaidhibhakti zu erreichen. Es stellt sich also die Frage, warum jemand, der Vraja-prema begehrt, vaidhibhakti ausführen soll. Wie bereits erörtert, ist die einzige Qualifikation für raganugabhakti die Gier, die bhavas der Vraja-vasis zu erlangen. Wer immer also diese Gier, dieses Verlangen oder dieses Begehren hat, kann sich frei fühlen, raganugabhakti zu praktizieren. Er ist sogar dazu ermutigt. Caitanya Mahaprabhu und Raya Ramananda selbst haben diese Anweisung gegeben, und sie versichern uns: »Wenn jemand den Herrn auf dem Pfad spontaner Liebe verehrt und nach Vrindavan geht, steht er unter dem Schutz von Vrajendra-nandana persönlich.« (Vers 221) Krishna persönlich beschützt seine Geweihten, kümmert sich um sie und bewahrt sie vor Reaktionen. Es sind keine unabhängigen Bemühungen im Sinne von dharma, artha, kama und moksha notwendig.

Und wie um es noch einmal zu bekräftigen und wirklich klarzustellen, zitiert Raya Ramananda Vers 10.9.21 aus dem Srimad Bhagavatam (hier Vers 227):

»Die höchste Persönlichkeit Gottes, Krishna, der Sohn Mutter Yasodas, ist jenen Gottgeweihten erreichbar, die in spontaner Liebe zu mir tätig sind (bhakti-matam), doch ist Krishna gedanklichen Spekulanten oder jenen, die durch schwere Enthaltungen und Bußen nach Selbsterkenntnis streben, oder jenen, die den Körper für das Gleiche wie das Selbst halten, nicht so leicht erreichbar.«

Keine äußerliche Bemühung, die auf der Ebene der gunas ansetzt, kann Krishna in seinem Vraja-lila erreichen. Nur reine bhakti selbst kann uns diesen Krishna geben. In dieser bhakti ergeben wir uns Krishna und machen uns von ihm abhängig. Deshalb kümmert sich Krishna persönlich um unser Schicksal. Erst an diesem Punkt sind wir Krishna vollkommen hingegeben und befinden uns nicht mehr in unabhängigen Konzepten, denen zufolge wir selbst die Handelnden oder Kontrollierenden sind. So schließt sich der Kreis.

Dass raganugabhakti zwar aussieht wie vaidhibhakti, aber keine ist, möchte ich an folgendem Beispiel aus meinem eigenen Verwirklichungen verdeutlichen:

Nachdem ich einige Zeit gemäß der Regeln und Regulierungen der vaidhibhakti meinem Gurudeva täglich Wasser dargebracht hatte, spürte ich einen Mangel an Freude und Anziehung an diesen Dienst. Ich führte zwar den Dienst aus, ihm dreimal täglich frisches Wasser zu geben, wie es den Vorschriften entspricht, wartete aber vergeblich auf transzendentale Gefühle und empfand die Aufgabe statt dessen eher als lästig, und sie entfremdete mich von meinen Gefühlen, da ich ihnen zuwider handelte. Nun waren diese Gefühle ja materieller und egoistischer Natur, und ich empfand ein starkes schlechtes Gewissen dabei, diese mechanische Handlung des Opferns aufzugeben. In der Regel wird einem an diesem Punkt empfohlen, einfach weiter zu machen. Irgendwann würde sich der transzendentale Geschmack schon einstellen, sprich eine liebevolle Beziehung erwachsen. Auf Grund meiner mangelnden Anziehung geschah, was geschehen musste. Hier und da vergaß ich, den Dienst auszuführen, was wiederum ein schlechtes Gewissen erzeugte und mich in ein unheilvolles Durcheinander von Gefühlen der Angst, der Verwerflichkeit und der Verzweiflung stürzte. Statt der Anziehung wuchs die Abstoßung. Ich änderte daraufhin meine Strategie und sagte mir, wenn ich ohnehin gefallen und verloren bin, dann kann ich ja auch ausprobieren, was passiert, wenn ich das Wasser nur noch dann darbringe, wenn ich das dazu notwendige und richtige Gefühl der Zuneigung und Liebe empfinde. Ich experimentierte und lauschte auf meine Gefühle. Vereinzelt traten Situationen auf, in denen ich ein starkes Bedürfnis verspürte, meinem Gurudeva Wasser zu geben. Ein innerer emotionaler Impuls trat in mein Bewusstsein, in der Regel dann, wenn ich selbst Wasser trinken wollte oder zum Beispiel eine neue Flasche Wasser öffnete. Der erste Becher sollte für Gurudeva sein. So traten ab und zu Ereignisse eines spontanen Gefühls der Zuneigung und Fürsorge für meinen Gurudeva auf. Ich führte die Opferung auf verschiedene Weisen aus, immer mit der Priorität, authentisch zu sein und keine mechanistische Show abzuziehen. In diesen Momenten, in denen ich mit dem Herzen dabei war und der Impuls von innen kam, zeigte sich nicht die geringste Abstoßung. Stattdessen bemerkte ich eine von Mal zu Mal ansteigende Anziehung, da die positive Erfahrung vom letzten Mal das nächste Mal umso positiver machte. Zu diesem Zeitpunkt waren die Darbringungen des Wassers aber noch unregelmäßig, unstrukturiert und richteten sich mehr nach meinem Bedürfnis anstatt nach dem von Gurudeva. Zu diesem Zeitpunkt kam mir der Gedanke, dass mein Srila Gurudeva ja vielleicht auch dann Durst hat, wenn ich gerade nicht Durst habe oder etwas trinken will. Es erschien mir deshalb sinnvoll, ihm mindestens dreimal am Tag ein frisches Wasser zu servieren. So kam ich über den Weg der spontanen Gefühle (raganuga-bhakti) letzten Endes zu einer Handlungsweise, die genau wie die in vaidhibhakti aussieht, jedoch kein vaidhibhakti ist. Vaidhibhakti gibt die Vorschrift, zu regelmäßigen Zeiten am Tag die Opferungen darzubringen. In vaidhibhakti wird die Handlung jedoch mechanisch ausgeführt, wohingegen sie in raganugabhakti aus dem inneren Gefühl und der Beziehung entspringt. Auch wenn die Handlungen gleich aussehen, so sind sie doch verschieden in ihrem Motiv und in ihre Ursache. Es ist anzunehmen, dass alle Regel und Vorschriften der vaidhibhakti sowie die vorgeschriebenen Handlungsabläufe, Pflichten genannt, äußerliche Nachahmungen von raganugabhakti sind. Dennoch sind diese Nachahmungen keine raganugabhakti, da die Handlungen nicht von innen motiviert sind sondern von außen.

Die Aussage, dass in raganugabhakti die gleichen Regeln wie in vaidhibhakti eingehalten werden (müssen), kann eigentlich nicht stimmen. Dies würde bedeuten, dass raganugabhakti von vaidhibhakti abhängig und ihm nachgeordnet ist. Dies ist nicht der Fall. Vaidhibhakti ist eine Nachahmung auf äußerliche Weise von raganugabhakti. Deswegen kann sie keine Weisungsbefugnis gegenüber raganugabhakti haben, sie kann raganugabhakti nicht bestimmen. In raganugabhakti, wenn sie vollständig entwickelt ist, werden genau diese Handlungen ausgeführt, die in vaidhibhakti als Regeln ausgeführt werden, z.B. alle aratis, die Darbringung des Essens usw. bis hin zum manasa-seva im asta-kaliya-lila, bei dem es feste Zeiten gibt. Es sind aber keine Regeln sondern innere Bedürfnisse, die ganz natürlich aus dem Gefühl kommen. Die entscheidende Frage ist, ob raganugabhakti von Anfang an praktiziert werden darf, und zwar in intermittierender, unterbrochener bzw. wellenförmiger Weise. Dies würde bedeuten, bhakti von Anfang an vom Gefühl her zu entwickeln. Meine Erfahrung ist, diese bhakti wächst tatsächlich und Bhakti-devi ist sehr glücklich darüber.

Ich plädiere dafür, von Anfang an innen anzusetzen. Dieser Weg mag am Anfang länger erscheinen, da sich im äußeren Erscheinungsbild des Devotees nur langsam Veränderungen vollziehen. Die Authentizität verhindert eine radikale Änderung in der äußeren Performance. Der Fortschritt ist am Anfang auch langsamer, da man nur echte Gefühle der bhakti akzeptiert. Nach einiger Zeit potenziert sich jedoch der Fortschritt und wird exponentiell schneller. Gleichzeitig fußt dieser Fortschritt auf einer äußerst profunden und nachhaltigen Basis, da er von außen unabhängig ist und rein aus inneren Verwirklichungen hervorgeht. Was am Anfang länger dauert, lohnt sich am Ende. Wir erreichen transzendentale bhakti, nicht zeitweilig sondern ewig. Diese bhakti werden wir nie wieder verlieren. Sie ist die gefühlte bhakti, die unser Herz rührt und zum Schmelzen bringt. Sie ist das, wofür wir den ganzen »Aufwand« betreiben, das einzigartige und unvergleichliche Gefühl, dass wir im liebevollen Austausch mit Krishna und seinen Gefährten erfahren. Dieses Gefühl ist der Weg und das Ziel. Als Weg, als Methode reinigt diese gefühlte bhakti den Spiegel unseres Herzens in hoch effektiver Weise und macht unser Herz weich. Dadurch werden wir bereit für das Ziel: die liebevolle Beziehung zu Radha, Krishna, den Gopis und Vraja-vasis.

Das Schöne bei raganuga-bhakti sind zwei Dinge: Die wundervolle Erfahrung spontaner bhavas für Radha-Krsna und die Fähigkeit, ideologiefrei zu jedem Menschen über Krsna sprechen zu können. Und ich weiß nicht, was davon höher ist. Ich bin geneigt, das Zweite als das Höhere anzusehen. Es gibt nichts Schöneres, als die eigene Liebe zu Krsna frei und unbelastet gegenüber jedem Menschen ausdrücken zu können.

Sri Srimad Bhaktivedanta Narayana Maharaja: The Essence of all Advice

Dieses wegweisende und revolutionäre Buch von Srila Gurudeva geht um die Frage der richtigen Auslegung von A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupadas Buch »Der Nektar der Unterweisung« (Sri Upadesamrta). Dabei zeigt Srila Gurudeva auf, dass Bhaktivedanta Swami Prabhupada zweifellos das Konzept von raganugabhakti (bzw. rupanugabhakti) vertritt. Er vertritt nicht das Konzept von vaidhibhakti. Ausgerechnet in diesem Buch, Sri Upadesamrta, in dem es um die grundlegenden Regeln und Vorschriften zur Ausführung von bhakti-yoga geht, in dem also am ehesten Regeln und Regulierungen zu erwarten sind, zeigt Srila Gurudeva, dass es bei premabhakti nicht um die Einhaltung von Regeln geht. Es wäre sicher ein Leichtes, an Hand zum Beispiel des 10. Canto des Srimad Bhagavatams ein Plädoyer für raganugabhakti zu führen. Dass und in welch eindeutiger Weise dies jedoch von Gurudeva am Beispiel des Sri Upadesamrta-Kommentars von Bhaktivedanta Swami Maharaja geleistet wird, wirft ein doch ziemlich klares Licht auf das Verhältnis von vaidhibhakti und raganugabhakti sowie ihre jeweilige Bedeutung für das höchste Ziel in bhakti, Vraja-prema.

Im Zuge seiner Argumentation geht Srila Gurudeva auch auf die Frage der Reinheit, respektive der anarthas ein.

»Insbesondere Lust, hrd-roga – wie soll sie verschwinden? Es gibt nur einen Weg: das Chanten des Heiligen Namens in der Gemeinschaft eines fortgeschrittenen Vaishnavas, dessen Herz gereinigt ist. Sein Herz ist vollständig gereinigt und er hat Krishna-prema in einem hohen Maße erreicht. Indem wir uns unter seiner Führung befinden, ihm folgen und in Vrindavan leben (wenn nicht mit dem Körper, dann innerlich im Geiste), werden unsere Herzen gereinigt. Denkt nicht, dass wir zuerst unsere Herzen reinigen und dass zuerst alles weggehen wird und dann bhakti kommen würde. So wird das niemals funktionieren. Das ist keine authentische siddhanta. Bhakti wird nach und nach durch ihre eigene Kraft kommen, und dann wird ohne eigene Anstrengung diese Lust verschwinden.« (The Essence of all Advice, S. 78)

Kommentar: Hier wird eindeutig gesagt, dass zuerst bhakti kommt und dann die anarthas verschwinden. Das ist die richtige Reihenfolge. Außerdem sagt diese Stelle, dass die Reinigung des Herzens nicht durch unabhängige Bemühungen oder eine Kontrolle von Seiten des Gottgeweihten erfolgt, sondern einzig und allein durch die Gemeinschaft mit einem fortgeschrittenen Vaishnava. Dieser fortgeschrittene Vaishnava hat die Gefühle im Herzen, die bhavas. Nur so können wir an diese bhavas gelangen. Das heißt, es mag schon manchmal vorkommen, dass sich diese bhavas ohne die Gemeinschaft mit einem fortgeschrittenen Gottgeweihten einstellen, z.B. alleine durch das Studium und die Diskussion der heiligen Schriften. Der effektivste und empfohlenste Weg ist jedoch die Gemeinschaft mit einem Gottgeweihten, der diese bhavas bereits im Herzen erlebt. Dann kann die Übertragung sehr leicht erfolgen und wir können eine eigene spirituelle Erfahrung machen. Wir erfahren die bhavas und wissen dann, um was es geht und wo wir hin sollen. Ohne die eigene spirituelle Erfahrung kann nicht von einem spirituellen Weg gesprochen werden. In diesem Falle handelt es sich um Religion. Religion funktioniert ohne spirituelle Erfahrung, sie basiert auf äußerlichen Anweisungen, z.B. Konventionen, Katechismen, Codices, Regeln etc.

Bhakti kommt nach und nach durch ihre eigene Kraft. Bhakti ist unabhängig. Sie ist nicht durch irgendwelche Manöver oder Techniken des sadhakas zu erreichen. Natürlich führt der sadhakas seine Übungen aus und er tut, was in seiner Macht steht. Aber es sollte nicht zu dem Verständnis führen, demzufolge er selbst und seine Übungen die Ursache von bhakti seien. Das würde bedeuten, bhakti ist abhängig von Ursachen und Wirkungen. Dem ist aber nicht so. Bhakti ist die unabhängige Kontrollierende und Handelnde. In diesem Sinne sagt Srila Gurudeva: »Srimati Radhika treibt in dieser Flut und beide sind einzig und allein von premamritaplavanat kontrolliert. Prema ist Ihr karta, der höchste Handelnde. Prema lässt Krishna tanzen und lässt Radha tanzen, lässt die Gopis tanzen und lässt alle Vraja-vasis tanzen. Prema selbst tanzt ebenfalls, und jeder, den sie berührt, wird ebenfalls tanzen.« (Seite 173) Prema, bhakti ist die Handelnde, sogar gegenüber Radha und Krishna. Die höchste Form der bhakti besteht nicht darin, zu chanten, sondern gechantet zu werden, besteht nicht darin, zu tanzen, sondern getanzt zu werden. Das ist die ultimative Haltung des Gottgeweihten. Die Flut von prema ergreift ihn. Er ist nicht der Handelnde. Diese Flut von prema ist immer da, doch wir sehen und spüren sie nicht. Warum? Weil unser Herz materiell bedeckt ist, weil das Reinigen des Spiegels des Herzens (ceto darpana marcanam) noch nicht vollendet ist. Weil wir immer noch handeln, uns immer noch steif machen, immer noch in den Widerstand gehen, wenn uns etwas bewegt, weil wir kein Vertrauen haben, dass bhakti es gut mit uns meint, dass uns nichts passiert, wenn wir die Kontrolle abgeben. In dem Moment, wo ich in den Widerstand gehe, wird die Sache schwer und mühsam. Ohne Widerstand fließt die Sache leicht und geschmeidig.

»Erst nach dem Hören anusrnuyad atha varnayed yah bhaktim param bhagavati pratilabhya wirst du bhakti haben. Dann pratilabhya kamam hrd-rogam asv apahinoty acirena dhirah kommt Zuneigung zu Krishna, kama. Welche kama? Kama bedeutet prema für Krishna. Erst erscheint diese kama und dann gehen alle hrd-roga, alle unerwünschten Wünsche und alle Unwissenheit weg.« (Seite 79)

Auch in diesem Vers sagt Srila Gurudeva eindeutig, dass zuerst die Liebe zu Krishna kommt, und dann geht die materielle Lust weg. Wir führen also raganugabhakti aus, während wir noch materielle Lust haben. Wir müssen nicht vorher gereinigt sein. Das geht gar nicht.

Srila Gurudeva bezieht sich in diesen Ausführungen auf Vers 10.33.39 des Srimad Bhagavatam. Dies ist der letzte Vers im Kapitel 33 mit der Überschrift ‚Der Rasa-Tanz‘.

Der vollständige Vers lautet:

»Jeder, der vertrauensvoll die Spiele des Herrn mit den jungen Gopis in Vrindavan hört oder erzählt, wird reine Hingabe zum Herrn erlangen. Dadurch wird er sehr schnell gereinigt und besiegt die Lust, die Krankheit des Herzens.«27

Srila Visvanatha Cakravarti Thakura sagt in seinem Kommentar zu diesem Vers: »Jemand, der über Krishnas rasa-lila, das Kronjuwel aller transzendentalen Spiele Krishnas, hört oder spricht, erlangt das Kronjuwel aller Ergebnisse, nämlich Krishna-prema (bhaktim param). Jemand der fortwährend über das herbstliche rasa-lila oder ähnliche Spiele Krishnas hört, es lobpreist oder eigene Poesie dazu verfasst, wird vor allem anderen mit prema erfüllt, selbst wenn er in seinem Herzen noch die Krankheit der materiellen Lust hat; dann, durch die Wirkung dieses Hören und Sprechens wird die Krankheit im Herzen zerstört. In dieser Hinsicht wird verständlich, dass diese prema unabhängig ist; sie ist nicht schwach oder abhängig wie jnana-yoga. In diesem Vers bezieht sich der Ausdruck kamam hrd-rogam auf die Herzkrankheit der materiellen Lust. Wenn das Wort jedoch in Beziehung zu Krishna verwenden wird, ist diese Bedeutung ausgeschlossen. In Beziehung zu Krishna bedeutet kamam prema, reine Liebe, und es hat genau den entgegengesetzten Effekt wie materielle Lust, kamam. Wenn jemand voller Vertrauen Krishnas rasa-Tanz hört und lobpreist, wird er als gelehrt beschrieben (dhirah pandita), denn er zweifelt nicht dummerweise daran: »Wie kann Krishna-prema erscheinen, wenn materielle Lust gegenwärtig ist?« Krishna-prema wird definitiv in der Person erscheinen, die nicht von Dummheit beeinflusst ist (dhirah) und die die Aussagen der Schriften mit tiefen Vertrauen annimmt. Jedoch wird Krishna-prema nicht in denjenigen erscheinen, die kein Vertrauen in Krishna haben oder den heiligen Namen Krishnas beleidigen.« (Saharta Darshini, Seite 377)

Kommentar: Der Dummkopf ist derjenige, der denkt, Krishna-prema könne sich nicht ereignen, wenn noch materielle Lust im Herzen ist! Der denkt, man müsse erst die materielle Lust besiegen – gleichsam in Eigenleistung –, um dann anschließend Krishna-prema zu bekommen. Srila Gurudeva sagt an einer Stelle, dass selbst auf der Stufe von bhava noch Reste von materiellen Wünschen im Herzen vorhanden sind (Essence of all Advice, S. 145). Wenn selbst auf der Stufe von bhava noch keine vollständige, 100-prozentige, absolute Reinheit gegeben ist, wie soll sie dann auf den vorangehenden Stufen von nista, ruci, asakti gegeben sein, oder noch davor, auf unserer Stufe von dreiviertel shraddha und halber sadhu-sanga? Wie soll dann eine Argumentation oder ein Gedankengang richtig sein, der davon ausgeht, dass bhakti nicht erreichbar ist, wenn noch materielle Verunreinigungen vorhanden sind? Daraus erwachsen ja dann Vorbehalte in der Art, dass man nicht qualifiziert sei, lila-kata zu hören oder über große transzendentale Gottgeweihte zu sprechen. Eine Haltung, die bei vielen Gottgeweihten zu finden ist, die aber falsch ist. Diese Ausführungen von Srila Gurudeva ebenso wie von Srila Visvanatha Cakravarti Thakura sagen eindeutig, dass das Hören und Sprechen über rasa-lila auch in der Gegenwart von materieller Verunreinigung auszuführen ist, denn rasa-lila-kata ist dasjenige, was die Reinigung bewirkt.

»Egal ob jemand ein bhakta ist, ein nirvisesa-vadi, visayi, kami mit unendlich vielen Wünschen oder ein aparadhi, der viele Vergehen verübt hat, jeder sollte den heiligen Namen chanten. Dies wird auch in Vers 2.1.11 des Srimad Bhagavatam bestätigt: »O König, das Chanten der heiligen Namen des Herrn in der Art und Weise, wie es die großen Gottgeweihten tun, ist der zweifelsfreie und angstfreie Weg zum Erfolg für alle, einschließlich derer, die frei von allen materiellen Wünschen sind, derer, die alle Arten materiellen Vergnügens ersehnen sowie auch derjenigen, die auf Grund ihres transzendentalen Wesens in sich selbst zufrieden sind.« Ceto darpana marcanam bhava-maha-davagni-nirvapanam. Reinigung wird durch den Namen kommen. Wir wollen unsere Herzen reinigen. Wenn wir alle diese unerwünschten Aktivitäten ausführen und danach hari-nama chanten, ist das absurd. Du solltest sein, wer immer du bist, wo immer du dich befindest und auf welcher Stufe auch immer du stehst – kami, visayi, bhogi, durjana (Schurke) – sei so, wie du bist – kein Problem. Aber sei ernsthaft und chante dann hari-nama unter der Führung eines Gottgeweihten mit reinem Herzen. Dann, danach wird ceto darpana marcanam funktionieren.« (Seite 81)

Kommentar: Auch hier betont Srila Gurudeva wieder die richtige zeitliche Reihenfolge: »Dann, danach…« Zuerst führen wir bhajan aus, dann kommt die Reinigung des Spiegels des Herzens. Nicht umgekehrt! Jede Art von Verunreinigung, von materiellen Wünschen etc. stellen kein Hindernis dar. Es ist erlaubt und letztendlich ohnehin unumgänglich, auf der unreinen Stufe bhajan auszuführen und sogar, wie Srila Visvanatha Cakravarti Thakura wörtlich sagt, rasa-lila zu hören, zu lobpreisen und eigene Dichtung darüber anzufertigen. Alles andere sind Angstkonzepte, die den Gottgeweihten in Angst und Unterdrückung halten, den Fluss der bhakti behindern, und somit premabhakti nicht erlangt werden kann.

Der Satz: »Wenn wir alle diese unerwünschten Aktivitäten ausführen und danach hari-nama chanten, ist das absurd.« bedeutet, dass wir nicht im Vertrauen auf die reinigende Kraft des Heiligen Namens unserem materiellen Genuss fröhnen sollen. Zu Chanten, um später absichtlich sündhaft zu handeln, ist absurd. Dies ist etwas anderes als aufrichtiger bhajan, der ungewollt von materiellen Verunreinigungen begleitet wird.

»Ja, erst kommt die Medizin. Hari-nama ist die Medizin und alles. Zuerst sollte hari-nama genommen werden (hier als sravanam und kirtanam verstanden, nicht als erste Einweihung, d. Verf.), dann wird die Krankheit verschwinden. Wenn du aber denkst: »Erst wird die Krankheit verschwinden und dann werde ich die Medizin nehmen. Dann werde ich einen Geschmack haben«, ist dies nicht korrekt. Du kannst von jeder Stufe aus Fortschritt machen, kein Problem. Du magst voller Lust und ein Lügner sein. Du magst so viele weltliche Gelüste und schlechte Eigenschaften haben. Nimm zuerst die Medizin. Versuche deine schlechten Angewohnheiten aufzugeben, aber unbesehen dessen sollte die Medizin genommen werden. Die Medizin ist hari-nama. Durch das Chanten von hari-nama wird die Krankheit schrittweise zurückgehen und ein wenig Geschmack für die Medizin wird kommen.« (Seite 67).

»Das stimmt nicht, dass wir die Spiele Krishnas in dieser Welt nicht hören können. Es ist nicht wahr, dass wir erst von allen weltlichen Wünschen befreit sein müssen und dann nach Goloka Vrindavan gehen und erst dort die Spiele von Krishna hören werden. Das ist völlig verkehrt, völlig verkehrt, völlig verkehrt!« (Seite 131)

Mit diesem Wissen und dieser Vision ist unser Gurudeva Srila Bhaktivedanta Narayana Maharaja in den Westen gekommen. Er hat die bhakti in unserem Verständnis auf die richtigen Füße gestellt, nachdem in der allgemeinen Iskcon-Doktrin ein Missverständnis diesbezüglich aufgetreten ist. Nach diesem Missverständnis sind wir alle sehr unrein und sündhaft und deshalb nicht qualifiziert, premabhakti zu erfahren oder auszuführen. Stattdessen sollen wir uns Entsagung auferlegen, den vier regulierenden Prinzipien folgen, uns um Reinheit bemühen und vaidhi-bhakti ausführen. Srila Gurudeva ist gekommen, um dieses Missverständnis auszuräumen. Er sagt, es ist keine Sünde und kein Vergehen, lila-kata auf der Stufe der materiellen Verunreinigung zu hören. Es ist nicht notwendig, gesondert gegen diese Verunreinigung vorzugehen. Lila-kata selbst wird diese Reinigung vornehmen.

Unglücklicherweise leben viele Devotees auch in der Gaudiya Vedanta Samiti noch und sogar wieder verstärkt in diesen missverstandenen Iskcon-Konzepten. Sie vertreten ein repressives Krishna-Bewusstsein, dass den schlechten sündhaften und unreinen Zustand der bedingten Seele zum Mittelpunkt der Betrachtung macht, ihn angeprangert und über andere Gottgeweihte und interessierte neue Gäste richtet. Dadurch entsteht ein repressives, Gefühle unterdrückendes, zwanghaftes Kontinuum von Angst und Schuld, das den schlechten Zustand nur noch fester klopft. Die in einer solchen repressiven Haltung ausbleibenden Gefühle der bhava werden dann nur als zusätzlicher Beweis für die eigene Verdorbenheit und Gefallenheit genommen. Diese Gefühle der bhava bleiben jedoch nicht deshalb aus, weil wir noch unrein sind – die obigen Ausführungen zielen ja ausschließlich darauf ab, diese kausale Wechselwirkung als Missverständnis zu entlarven –, sie können sehr wohl im unreinen Zustand erscheinen. Sie bleiben deshalb aus, weil wir kein Vertrauen in die reinigende Kraft der heiligen Namen, des katas usw. haben. Dieses Vertrauen wird ja genau durch diesen Glaubenssatz unterwandert. Wir glauben, bhakti sei von diesem äußeren, materiellen Bedingungen abhängig. Damit schmälern wir bhakti und setzen sie herab. Dies ist ein Vergehen, und deshalb bleibt die bhava aus. Sobald wir eine freie bhakti, eine bhakti ohne Angst praktizieren, besteht die beste und größte Hoffnung auf schnellen Fortschritt zu Vraja-prema.

Originalton von Bhaktivedanta Swami Prabhupada:

»Wenn jemand solche Anhaftung entwickelt hat, kann er den Lotusfüßen Krishnas dienen, selbst ohne den regulierenden Prinzipien zu folgen. Diese Stufe wird ragabhakti genannt, oder hingebungsvoller Dienst in spontaner Liebe.« (Seite 146 f.)

Srila Gurudeva:

»Was ist raganugabhakti? Für wen schreibt er (Bhaktivedanta Swami Maharaja)? Für jeden? Für jeden, der Radha und Krishna dienen möchte. Und für diejenigen, die Radha und Krishna nicht dienen möchten, ist dies nicht anwendbar. Ich denke, dass es Swamijis Wunsch war, dass alle Devotees, die ihr Zuhause für bhakti verlassen haben, diesem Vorgang folgen sollten. Aber wenn sie nicht für raganugabhakti qualifiziert sind, dann sollten sie regulierter bhakti folgen.« (Seite 148)

»Wenn jemand nur ein klein wenig dünne Begierde (Gier) hat, all diese Dinge im Dienste Krishnas zu kosten, ist er für raganugabhakti qualifiziert. Er kann nicht durch Regeln und Regulierungen kontrolliert werden.« (Seite 149)

Kommentar: In diesen Versen wird beschrieben, was raganugabhakti ist, was es mit den regulierenden Prinzipien zu tun hat, und welche Rolle die Gier spielt. Gier ist die einzige Qualifikation, die notwendig ist. Gier bedeutet, Radha und Krishna dienen zu wollen. Gier ist das Gefühl, dass uns antreibt, Dienst für Radha und Krishna auszuführen. Im Falle von vaidhibhakti ist es Angst. Gier ist ein innerer Wunsch, ein inneres Bedürfnis. Gier ist ein Gefühl. In Beziehung zu Radha und Krishna ist sie ein positives Gefühl. Immer wieder geht es um das Gefühl. Wenn wir von dem Gefühl her an bhakti herangehen, werden sich uns alle Türen öffnen und sehr schneller Fortschritt erfolgen. Man sollte sich also als Devotee fragen, will ich Radha und Krishna dienen? Wer würde dies nicht mit Ja beantworten? Also sind wir alle für raganugabhakti qualifiziert. Es ist in den Kreisen der Gottgeweihten sehr beliebt, sich als unqualifiziert darzustellen. Nicht nur in der Iskcon, auch in der Gaudiya Vedanta Samiti, wie sie hier im Westen praktiziert wird, haben viele Gottgeweihte das Konzept, dass wir vaidhibhakti ausführen müssen, weil wir nicht für raganugabhakti qualifiziert sind. Dies ist jedoch ein falsches Konzept. Erstens sagen hier Bhaktivedanta Swami Prabhupada und unser Srila Gurudeva, dass schon die kleinste Begierde ausreicht als Qualifikation für raganugabhakti. Zweitens sagt Srila Gurudeva mehrfach in diesem Buch, das die Haltung, sich selbst für nicht qualifiziert auszugeben, verkehrt und ein Vergehen gegen bhakti ist:

»Selbst bis zur Stufe von bhava gibt es noch materielle Anziehung. Aber wir sollten uns um Fortschritt bemühen. Wir sollten nicht entmutigt werden, weil wir uns für unqualifiziert halten und denken: »Oh, wir sind noch nicht mal auf der Stufe von nista.« So dürft ihr nicht denken.« (Seite 146)

»Ihr solltet nicht ewig kanistha-adhikari bleiben. Unser Weg zu Krishna sollte nicht dadurch blockiert werden, dass wir uns der Idee hingeben, wir seien nicht und würden niemals qualifiziert sein dies zu lesen.« (Seite 167)

»Einige werden sagen: »Oh, wir sind nicht qualifiziert und werden niemals in der Zukunft qualifiziert sein.« Dies ist ein Vergehen gegen die Lotosfüße von bhakti, Krishnas selbst und auch Radharani. Aus diesem Grund werden sie mehr und mehr Ablehnung gegen rupanugabhakti entwickeln.« (Seite 193)

Kommentar: Man sieht hier eine drastische Steigerung sogar in den Worten Srila Gurudeva. Nachdem er es zum dritten Mal im Laufe seiner Vorlesungen gesagt hatte, setzte er noch eins drauf und sagt, dass es ein Vergehen ist, sich selbst als unqualifiziert zu betrachten. Er sieht sehr wohl unsere westlich-christliche Neigung zur Selbstgeißelung, die jedoch völlig kontraproduktiv ist. Wir sollten uns besser mal locker machen.

Es ist sogar ein Vergehen, nicht rupanugabhakti zu praktizieren:

»Wir sollten versuchen zu verstehen, was rupanuga ist, wer Rupa ist, was seine Stimmung war und wie wir diese Stimmung zu unserer Stimmung machen können. Das ist kein Vergehen. Wir sind in der Linie von Caitanya Mahaprabhu, und wenn wir dies nicht tun, ist es ein Vergehen.« (Seite 193)

Was soll derjenige tun, der noch nicht rein ist?

»Wenn jemand noch nicht sehr gereinigt ist oder nicht genügend Liebe und Zuneigung entwickelt hat, um qualifiziert zu sein zu hören, was soll dieser Mensch tun? Soll er deswegen ohne Hoffnung sein? Nein, verliert nie eure Hoffnung. Jemand mag noch sehr viele anarthas haben, aber wenn er etwas Interesse und Gier hat, über diese Dinge zu hören, dann wird er als qualifiziert betrachtet. Diese Gier alleine schafft die Qualifikation zum Hören. Ein Gottgeweihter, der in einer Brahmana-Familie geboren ist, mag seine regulierte bhakti für Hunderttausende von Geburten kultiviert haben und er mag sehr, sehr wenige anarthas haben28. Dennoch, wenn er keine Wertschätzung, kein ruci, für das Hören (von hari-katha) hat, dann ist er nicht qualifiziert zu hören. Aber eine drittklassige lüsterne Person wie Bilvamangala, der fortwährend in seine Gelüste für diese Prostituierte verstrickt war, erwachte sofort, als die Prostituierte sang: Radha-Ramana-Hari Govinda jaya jaya… Als die Prostituierte sehr vertieft in diesen kirtana war, wurde Bilvamangala angezogen und ebenfalls vertieft. Es spielt keine Rolle, ob jemand eine lüsterne, verdorbene Person ohne Qualifikationen, ohne Erziehung oder jegliche positiven Qualitäten ist. Der Geschmack dafür, diese Themen zu hören, ist in sich selbst die einzige erforderliche Qualifikation. (…) Sukriti, die über Hunderttausende und Hunderttausende von Geburten angesammelt wurde, wird nicht helfen. Aber die Qualifikation kann sehr einfach kommen, wenn wir von Devotees wie Raya Ramananda, Svarupa Damodara, Rupa Goswami oder ihren Nachfolgern hören, die so zauberhaft die Spiele von Krishna erzählen. Ihre mati, ihre Herzen, sind fortwährend in dem Ozean der Liebe und Zuneigung für Srimati Radhika eingetaucht. Die Befähigung erfordert keinerlei weltlichen Qualifikationen oder irgendeine spirituelle Qualität. Das Einzige, was notwendig ist, ist etwas Geschmack, ruci, zu hören, und dieser ruci kann entweder von Eindrücken aus früheren Leben kommen oder er kann in diesem Leben neu entstanden sein. Das ist kein Problem. Ruci, der von früheren Leben kommt, ist viel stärker. Wenn er aber von neu erworbenen Eindrücken kommt, wird er dennoch so viele Früchte tragen. Geschmack daran, von diesen Dingen zu hören, ist die einzige Sache von Wert, sonst nichts.« (Seite 171 f.)

Kommentar: Auch hier wird wieder, wie fortwährend, von Gurudeva betont, dass es keine kausale Beziehung zwischen anarthas und bhakti gibt. Jemand mag noch so viele anarthas haben, wenn er den Wunsch hat, über diese Dinge zu hören, ist das vollkommen ausreichend. Vaidhibhakti über Hunderttausende von Leben praktiziert wird keinen Erfolg bringen. Gleichzeitig kann sich bhakti selbst an sehr unreinen Orten bzw. in sehr unreinen Personen manifestieren wie zum Beispiel Bilvamangala. Auch sukriti kann keine rupanugabhakti geben. Auch dieser Punkt ist sehr interessant. Viele Devotees vertreten die Idee, das sukriti die entscheidende Voraussetzung für premabhakti ist. Vielleicht ist sie das für vaidhibhakti, aber nicht für raganugabhakti. Raganugabhakti erhalten wir nur durch die Gnade des reinen Gottgeweihten, der diese raganugabhakti kennt, weil er sie selbst von seinem Guru oder einem anderen sadhu bekommen hat. Das ist das einzige, was wir tun müssen. Wir müssen die Gemeinschaft eines reinen Gottgeweihten suchen und von ihm hören. Er kann uns das Wissen offenbaren, weil er die Wahrheit gesehen hat (Bhagavad-gita, Vers 4.34: upadeksyanti te jnanam jnaninas tattva-darsina: Die selbstverwirklichten Seelen können dir Wissen offenbaren, weil sie die Wahrheit gesehen haben.). Raganugabhakti ist lebende bhakti, also kann sie nur von einem Lebewesen zu einem anderen Lebewesen übertragen werden. Dies ist Persönlichkeitsphilosophie. Es geht immer um lebende Personen, die in eine Beziehung zueinander treten. Raganugabhakti kann nicht durch Eigenleistung erreicht werden. Sie kann nur in der Beziehung erreicht werden, denn sie ist Beziehung – sambandha-jnana. Es ist wichtig, dass wir uns diesem reinen Gottgeweihten nähern und von ihm hören. Wie Srila Gurudeva jedoch eindeutig sagt, spielt es keine Rolle, ob wir selbst rein oder unrein sind. Das übermächtige Reinheitsdogma in vaidhibhakti erzeugt eine Unsicherheit bezüglich unserer Qualifikation (bin ich überhaupt qualifiziert dafür?) und ein tief verunsicherndes schlechtes Gewissen, das auf der Seele liegt. Genau dieses schlechte Gewissen und diese Unsicherheit ist die Dummheit, die uns letztendlich von premabhakti abhält. Vgl. die Ausführungen von Srila Visvanatha Cakravarti Thakura zu SB 10.33.39 (bereits weiter oben zitiert): »Wenn jemand voller Vertrauen Krishnas Rasatanz hört und lobpreist, wird er als gelehrt beschrieben (dhirah pandita), denn er zweifelt nicht dummerweise daran: »Wie kann Krishna-prema erscheinen, wenn materielle Lust gegenwärtig ist?« Krishna-prema wird definitiv in der Person erscheinen, die nicht von Dummheit beeinflusst ist (dhirah) und die die Aussagen der Schriften mit tiefen Vertrauen annimmt. Jedoch wird Krishna-Prema nicht in denjenigen erscheinen, die kein Vertrauen in Krishna haben oder den heiligen Namen Krishnas beleidigen.« (Seite 377)

Diese Stelle sagt aus, dass es gerade der innere Zweifel ist, der uns von bhakti abhält. Es ist nicht unsere materielle Lust! Es ist unser schlechtes Gewissen! Und dieses schlechte Gewissen wird von den Regeln und Gesetzen erzeugt, von den Konzepten von rein und unrein, von fromm und sündig und von all diesen Dualitäten der materiellen Welt.

Eigentlich ist es so einfach, geradlinig und direkt. Wir gehen zu einem rasika-bhakta und hören von ihm. Den Rest erledigt bhakti. Der Umweg über die selbstreflexiven Konzepte des Verstandes, die vorangestellten Zweifel an meiner Bonität unterbrechen diese direkte Verbindung und blockieren den Fluss der bhakti. Werdet wie die Kinder, denn nur so könnt ihr in das Himmelreich eingehen (Jesus). Dies ist der Grund, warum wir aus dem Paradies herausgefallen sind: weil wir vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gegessen haben. Diese Unterscheidung in Gut und Böse selbst ist die Ursache des Übels. Das meint Gurudeva, wenn er immer wieder und mit allem Nachdruck betont: »Don’t critizise!« Dies meint trinad api-sunicena: Es gibt nichts mehr, was schlechter ist als ich, das heißt es gibt überhaupt nichts Schlechtes, es gibt nur Gutes. Eigentlich gibt es überhaupt keine Wertung, kein Gut und Schlecht, aber wenn ich zu der Sichtweise gelange, dass alles gut ist und dass alles Krishna ist, ist dies gleichbedeutend mit Wertfreiheit.

Dies ist die von Ideologie befreite bhakti. Dies ist uttamabhakti. Befreiung bedeutet, von diesem psychischen Ängsten und von dieser Gewissenslast befreit zu werden. Nur dann manifestiert sich das Gefühl. Deshalb beginnt reine bhakti nach der Befreiung. Je unbefangener ich bin, je weniger Widerstand ich habe, um so reiner ist die bhakti. Und deshalb hat reine bhakti nichts mit rein oder unrein zu tun. Materiell verunreinigt oder nicht – er spielt keine Rolle. Das einzige, was zählt, ist der Wunsch, über diese Dinge zu hören. Wir brauchen uns keine Sorgen zu machen und uns nicht schlecht zu fühlen, weil wir noch materielle Anhaftung haben. Auf den Stufen von nista, ruci, asakti und bhava gibt es immer noch materielle Interessen und Identifikationen. Erst auf der Stufe von prema gibt es das nicht mehr. Aber prema kann in diesem materiellen Körper nicht verwirklicht werden. Also erst mit dem Ende des materiellen Körpers enden auch die materiellen Anhaftungen. Wenn wir erst dann raganugabhakti praktizieren dürften, dann müssten wir ewig warten, bis zum Ende unserer Wiedergeburten. Ohne raganugabhakti werden wir aber nicht zu Vraja-prema gelangen, und ohne Vraja-prema werden wir nicht aus dem Kreislauf der Geburten und Tode entrinnen können. Diese ganze Reinheitstheorie macht also in keinerlei Hinsicht einen Sinn. Sie steht auf dem Kopf. Reinheit ist nicht die Ursache von bhakti, sondern ihre Wirkung. Erst kommt bhakti, dann kommt Reinheit, nicht umgekehrt.

Wie viele Menschen, die sich aufrichtig und mit reinem Herzen Krishna zugewendet haben, sind schon an diesen repressiven, angst- und schuldprovozierenden Konzepten gescheitert? Wie viele haben sich schon von Krishna abgewendet, weil sie diese repressiven Strukturen nicht mehr ertragen konnten? Wie viele Geweihte haben wir schon verloren durch unsere Dummheit, durch unsere Zweifel an der Kraft bhaktis? Wenn wir diese Zweifel haben, ist sogar Bhakti-devi selbst machtlos. Auf diese Weise bleiben wir ewig auf der bedingten Ebene.

Durch die Ausführung von freier bhakti erreichen wir unmittelbare Erleichterung und direkte Freude. Bhakti wird schön und stark. Das Herz geht auf. Es gibt keine Hindernisse für bhakti mehr. Durch die Erfahrung des spirituellen Gefühls auf der befreiten Ebene verschwindet unser Ego, denn es wird durchlässig wie ein Kanal. Wir werden zur Flöte Krishnas, offen und leer, um das Lied Krishnas zu spielen. Die Seele jubelt und unser Gemüt ist stark und energetisch. Wir sind im inneren Frieden und voller Kraft, es gibt keinen Widerstand und keinen Vorbehalt mehr. Wir können uns voll und ganz hingeben, ohne dass dies als Problem erscheint. Es ist nur die logische Fortsetzung, oder besser gesagt die natürliche Dynamik. Es ist die Erfüllung des Gefühls. Das ist die Stufe von nitya-siddha, ständig befreit. Demgegenüber verstrickt sich der zu sehr an Regeln orientierte sadhaka immer tiefer in die Entfremdung von seinen Gefühlen. Schon die erste Handlung gegen das Gefühl führt auf einen Abweg, von dem aus es nahezu unmöglich ist, wieder auf den richtigen Weg zurück zu kommen. Je öfter man gegen das Gefühl handelt, umso mehr Energie verliert man, man wird schwach und depressiv, bekommt keine Energie von außen, da dieses Außen ja nicht das ist, was man eigentlich möchte, jedenfalls nicht zu diesem Zeitpunkt. Man verstrickt sich heillos in einen dumpfen, gefühllosen Zustand und ist nur noch vom Kopf gesteuert. Verzweifelt sucht man dann nach der fehlenden Freude, die man letztendlich nur in materiellen Befriedigungen finden kann. Das ist der Zeitpunkt, wo der Gottgeweihte fällt, seinen künstlich oben gehaltenen sadhana ganz aufgibt und zurückkehrt in die materielle Welt. Zuerst wurde ihm gesagt, er solle sich voll hingeben, alle Prinzipien einhalten, jede Vorschrift befolgen, jeden sadhana immer und überall vollkommen ausführen, nie schwach werden, immer weitermachen, nicht auf die Gefühle hören, jede materielle Regung unterdrücken, den Körper missachten, nur noch Hare Krishna chanten. Der junge Devotee geht voll hinein, ohne Rücksicht auf sein Empfinden und seine Stufe zu nehmen, nur um nach ein paar Jahren genauso radikal wieder raus zu gehen und Krishna-bhakti den Rücken zu kehren. Was ist damit gewonnen? Was ist mit diesem Absolutheitsanspruch und dieser 100-Prozentigkeit gewonnen? Was nützt es uns, wenn die Devotees nach einigen Jahren verschwinden? Wäre es dann nicht an der Zeit, die praktizierte Strategie zu überdenken? Seit 40 Jahren gibt es Krishna-Bewusstsein im Westen. Den Devotees ist es egal, was die karmis von ihnen denken. Die karmis sind jedoch die Gesamtheit der Bevölkerung. 200 bis 300 praktizierende eingeweihte deutsche Devotees (alle Gruppierungen zusammen genommen) bei 80 Millionen Einwohnern ist kein rühmlicher Schnitt. Außerdem sind diese karmis unser Klientel. Wir sollten es uns nicht mit ihnen verscherzen. Es ist nicht gerade rühmlich, dass Hare Krishna in der öffentlichen Meinung nicht nur als Sekte wahrgenommen wird – dies ist nur eine platte Verunglimpfung –, sondern generell als repressiv-autoritäre Struktur, die intellektuelle Menschen noch nicht mal mit spitzen Fingern anfassen wollen. Wie kommt das? Wieso sehen sie nicht die Transzendenz und die Süße von Krishna? Wieso sehen sie nicht das Gefühl und die Ekstase der Liebe zu Gott? Weil es ihnen niemand vermittelt. Die repressiven Strukturen sind altbekannt. Wir Deutschen kennen sie nicht nur aus dem Christentum, sondern auch aus dem Nationalsozialismus, der ziemlich genau die gleichen Kategorien verwendet wie vaidhibhakti: Reinheit, Tugend, Gehorsam, Pflichtbewusstsein, Hingabe an den Führer, Angst vor Strafe, Ausschluss aus der Gemeinschaft usw.

Die Devotees, die bezeichnenderweise in der Regel sehr jung sind, wenig Lebenserfahrung und wenig Wissen mitbringen, schneiden, sobald sie in der Gemeinschaft der Gottgeweihten sind, alle ihre intellektuellen und geistigen Verbindungen zu anderen Wissensinhalten als denen der vedischen Literatur ab. Sie bemühen sich überhaupt nicht, ihre Philosophie zu überprüfen und mit anderen Philosophien oder Meinungen in Beziehung zu setzen. Das führt zu einer merkwürdigen Indifferenz gegenüber allen Erfahrungen und aller Lebensweisheit der Menschen. Das Leid und die Entbehrungen vieler, vieler Generationen sind die Grundlage von verwirklichtem Wissen. Die Menschheit entwickelt sich weiter, ihr Bewusstsein erweitert sich und schreitet voran. Wir sind nicht mehr im Mittelalter, und wir sind auch nicht in Indien. Es ist mir unverständlich, dass die Devotees diesen inneren Reichtum, dieses Wissen und diese Lebensweisheit nicht berücksichtigen. Stattdessen predigen sie wie vor 500 Jahren, als ob es nie eine Aufklärung, einen Faschismus, die 68er-Bewegung oder die Globalisierung gegeben hätte. Zum Glück nicht alle. Srila Gurudeva:

»Jeder, der an Krishna-Bewusstsein interessiert ist, sollte Zuflucht bei Srimati Radhika und Radha-Kunda suchen. Bhaktivedanta Swami Maharaja sagt »jeder«, und wir machen so viele Wälle und Gräben in diesen Anweisungen. Es gibt keine Wälle oder Gräben – diese Gräben sind falsch.« (Seite 194)

»Ich denke, dass es nicht ausreicht, um in die Familie von Caitanya Mahaprabhu, in seine sampradaya zu kommen, wenn wir nur vaidhibhakti vermischt mit karma und jnana ausführen. Wenn du in Caitanya Mahaprabhus sampradaya sein willst, musst du rupanugabhakti ausführen.« (Seite 183)

Das ist freie, spontane bhakti ohne Angst.

»Wir wissen wie lustvoll Bilvamangala war, aber er wurde innerhalb eines Tages verändert. Ihr kennt Ajamila – er wurde ein so wunderbarer Gottgeweihter durch die Berührung der vier Visnudutas. Wir sollten also versuchen, all diesen Unterweisungen von innen her zu folgen. Macht daraus nicht eine äußerliche Schau, wie z.B. nicht zu rauchen. Das wird nicht viel helfen. Wir legen keine große Betonung darauf, nicht zu rauchen oder Fleisch zu essen – diese Dinge werden automatisch verschwinden. Einmal erzählte mir Bhaktivedanta Swami Maharaja: »Wenn ich in den Westen gehe, werde ich den Jungen dort erlauben zu mir zu kommen, und ich werde sie mit Eiern, Fleisch und Wein versorgen, wenn sie das wollen.« Ich fragte: »Warum?« »Oh, die Kraft von Krishna-nama ist so wunderbar. Ich werde Ihnen sagen, dass sie all diese Dinge zu sich nehmen können, aber Krishna-nama chanten sollen. In sehr kurzer Zeit werden sie in gute Gottgeweihte transformiert sein.« (Seite 212)

Kommentar: Diese Aussage von Bhaktivedanta Swami Maharaja kann sicherlich unterschiedlich verstanden werden. Sie würde aber auch in die oben gegebenen Ausführungen passen, denen zufolge das Wichtige nicht die Reinheit und Entsagung ist, sondern die bhakti selbst, hier Krishna-nama. Er gab den Jungen alle Freiheit, und wollte sie nicht maßregeln. Er vertraute einzig und allein auf die spirituelle Kraft des Heiligen Namens. Das ist meines Erachtens die richtige Einstellung. Alles andere ist mangelnde Hingabe und Vertrauen. Wenn ich für Entsagung und Reinheit plädiere, erwächst dies meistens aus dem Konzept, dass ich etwas tun muss bzw. tun kann und dass bhakti von dieser Entsagung abhängig ist. Natürlich ist dies nicht falsch in dem Sinne, dass die eigene Bemühung schon notwendig ist. Die wichtigere Erkenntnis besteht jedoch darin, dass bhakti völlig unabhängig ist und sich durch die Gnade manifestiert. Wenn wir nicht offen für die Gnade sind, werden wir niemals Fortschritt machen. Das Ganze ist also im Wesentlichen ein Haltungsproblem, eine Frage der Herangehensweise, eine leichte Veränderung in der Optik, um die Dinge scharf zu stellen. Dann ordnen sich die Kategorien in der richtigen Reihenfolge und ruhen wie Perlen auf einer Schnur, die einen übergeordneten Sinn ergeben. Das Ganze passt endlich.

»Wenn bhakti kommt, gehen die vegas weg. Andernfalls können sie nicht weg gehen.« (Seite 206)

Kommentar: Die vegas, die unerwünschten Dränge, können nicht durch trockene Entsagung beseitigt werden. Sie können erst verschwinden, wenn bhakti erschienen ist. Es ist deshalb nicht empfehlenswert, die Aufmerksamkeit auf die Reduzierung der vegas zu lenken. Wir sollten unsere Aufmerksamkeit immer auf bhakti selbst lenken. Die unerwünschten Erscheinungen, die vegas und anarthas, sind nicht Gegenstand unserer Aufmerksamkeit! Aufmerksamkeit gibt Kraft. Wo immer wir unsere Aufmerksamkeit hin richten, geben wir diesen Objekten Kraft. Ob diese Objekte dann mit einer positiven oder negativen Wertung besetzt sind, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Wenn wir also unsere Aufmerksamkeit auf die anarthas richten, um über sie zu lamentieren, sie anzuprangern, zu verurteilen und zu bekämpfen, geben wir diesen anarthas Kraft. Außerdem verschwenden wir unsere Zeit, weil wir in dieser Zeit nicht den heiligen Namen aussprechen können.

Viele Devotees beziehen sich heute auf den ersten Vers des Sri Upadesamrta, um ihren Regulierungswahn zu belegen: vaco vegam … dieser Vers wird als elementare Grundlage, als Maßstab, als ultimative Messlatte angelegt. Da wir das alle nicht gemeistert haben, sind wir unqualifiziert für raganugabhakti und müssen uns erstmal reinigen und kasteien. Die weiteren Verse werden dann schon fast übersehen. Der Sri Upadesamrta geht jedoch noch viel weiter als nur bis zu diesem Vers. Er geht bis zum Radha-Kunda, dem höchsten und vertraulichsten Ort des madhurya-rasa von Radha-Krishna yugala-kisora, der noch über dem rasa-lila steht, weil dort nicht alle gopis dabei sein können. Dort sollen wir hingehen.

Srila Gurudeva ist sich dieses unförderlichen Aspekts übertriebener Regel- und Reinheitsbeflissenheit bewusst. Damals richteten sich seine Ausführungen an die Iskcon-Devotees, doch heute, 9 Jahre später, betreffen diese Aussagen auch viele Gottgeweihte in seiner eigenen sanga:

»Aber diejenigen, die nur auf den ersten sloka schauen, vaco vegam manasah… vaco vegam manasah… vaco vegam manasah, und dann das Buch schließen, indem sie denken: »Es ist ok. Das reicht uns. Wir sind noch nicht mal dazu qualifiziert, vaco vegam manasah auszuführen, wie sollen wir dann weiter lesen?« – wie sollen sie Fortschritt machen? Swamiji ist gekommen, um uns diese Linie von rupanuga zu geben. Deshalb sollten wir nicht ohne Hoffnung sein. Wir sollten versuchen, unser Krishna-Bewusstsein in dieser Linie zu entwickeln.« (Seite 183)

Kommentar: Was hier von Srila Gurudeva nicht gut geheißen wird, ist diese übertriebene Servilität, also Untertänigkeit, und die zur Schau gestellte Minderwertigkeit, an die die Devotees tatsächlich auch noch selbst glauben. Wir müssen weiter gehen, auch wenn wir den ersten Vers nicht gemeistert haben. Wie sollen wir sonst Fortschritt machen? Wer diese vegas gemeistert hat, kann auf der ganzen Welt Schüler annehmen. Das bedeutet jedoch nicht, dass derjenige, der sie nicht gemeistert hat, zu garnichts qualifiziert ist. Und selbst wenn wir unqualifiziert sind – das ist unsere einzige Qualifikation, unsere einzige Leistung, die uns für die Gnade geeignet macht. Wir sollten uns nicht vorschnell selbst verurteilen, in einer Art Pose der Demut, die keine echte, gefühlte Demut ist, sondern nur ein intellektuelles Konzept, ein Wert.

Ich plädiere für mehr Mut und weniger Angst, für mehr Freude und Selbstakzeptanz und weniger Zweifel und Minderwertigkeitskonzepte. Wir sollten uns nicht vorschnell als sündig, unrein und gefallen betrachten, um dieser Unreinheit dann mit brachialen Methoden beikommen zu wollen. Wir sind alle ewige Teile Gottes, wir sind qualitativ wie Gott und von ihm erschaffen. Wenn wir uns selbst verurteilen, verurteilen wir Krishna. Wir führen bhakti aus, wir haben einen spirituellen Meister, wir verehren Krishna und seinen heiligen Namen, wir machen so viel seva. Können wir nicht einmal unser Herz leicht machen und sagen: alles ist gut? Können wir uns nicht einfach einmal nur freuen, dass wir sind? Das wir auf dem Weg zu Krishna sind, dass wir mit ihm sind? Alles ist schon da, das lila läuft. Alles ist gut.

Hare Krsna, Radhe Syama, Radhe Govinda, Radhe Radhe, Bhakti Devi Ki Jaya

Radhastami 2006 (1. Fassung)


1
Srimad Bhagavatam 1.2.2, aus dem Englischen aus: Bhaktivedanta
Narayana Maharaja: Secret Truths of the
Bhagavatam

2
Srila Bhaktivinoda Thakura,
Jaiva-dharma, 20. Kapitel (vaidhi-sadhana-bhakti),
S. 487 (Punkt 18 der 64 angas von bhakti gemäß

Srila Rupa Goswami: Füge keinem Lebewesen Leid zu)

3
Srimati Patak in: Our Srila Prabhupada. A Friend to All, early
Contempories remember Him. Compiled by Mulaprakrti d. d., Brij
Books, 2004, S. 160

4
Vgl. Shukavak N. Dasa: Hindu Encounter with Modernity. Kedarnath
Datta Bhaktivinoda Vaishnava Theologian, Sanskrit Religions
Institute 1999. Bhaktivinoda Thakura: »Wenn der Fluss der
alten Traditionen auf den Strom der Logik trifft, werden die Strudel
der Illusion fortgewaschen.« (Zitat vom Schutzumschlag des
Buchrückens)

5

Sanatana Goswami: Brhad-bhagavatamrta 1.1.9: »Alle Ehre, alle
Ehre sei dem allglückseligen Heiligen Namen Sri Krishnas, der
den Gottgeweihten dazu bringt, alle Konventionen und religiösen
Pflichten sowie Meditation und Tempelverehrung aufzugeben. Wenn der
Heilige Name irgendwie auch nur einmal von einem Lebewesen
ausgesprochen wird, gewährt Er ihm schon Befreiung. Der Heilige
Name Krishnas ist der höchste Nektar. Er ist mein Leben und
mein einziger Schatz.« (Übersetzt aus der englischen
Ausgabe: Sri Srimad Bhaktivedanta Narayana Maharaja: Secret Truths
of Bhagavatam, S. 157)

Sri Hari-Bhakti-Vilasa 11.234: »Süßer
als alles Süße, segensreicher als alles Glück, die
reife Frucht am Wunschbaum der Veden und das transzendentale Wissen
selbst – oh Bester der Bhrgu-Dynastie, wer Sri Krsnas heiligen
Namen auch nur einmal erklingen lässt – vertrauensvoll oder
gleichgültig sogar – wird sogleich aus dem Meer der Tode
befreit.« (zitiert nach : Sri Gaudiya Giti Gucchi, dt.
Ausgabe, Bensheim 2006, S. 7)

6
Übersetzung aus der englischen Ausgabe: Srila Bhaktivedanta
Narayana Maharaja, Secret Truths of the Bhagavatam, S. 29 (praktisch
identisch mit der dt. Ausgabe des Srimad Bagavatam, BBT, 1984)

7

Srimad Bhagavad-gita, mit den Kommentaren von Srila Visvanatha
Cakravarti Thakura und Sri Srimad Bhaktivedanta Narayana Maharaja,
Sri Gaudiya Vedanta Samiti, 2000, Seite 148

8
Vergleiche auch folgende Verse in der Bhagavad-gita:

3.33: Selbst ein Mensch des Wissens
handelt seinem Wesen gemäß, denn jeder folgt seiner
Natur. Was kann Unterdrückung ausrichten?

18.11: Es ist in der Tat unmöglich
für verkörperte Wesen, alle Tätigkeiten aufzugeben.
Deshalb heißt es, dass derjenige, der auf die Früchte des
Handelns verzichtet, wahrhaft entsagungsvoll ist.

18.40: Es existiert kein Wesen –
weder hier noch unter den Halbgöttern auf den höheren
Planetensystemen –, das vom Einfluss der drei Erscheinungsweisen
der materiellen Natur frei ist.

18.60: Aufgrund von Illusion weigerst
du dich jetzt, Meiner Anweisung gemäß zu handeln. Doch
gezwungen durch die Handlungsweise, die deiner eigenen Natur
entspringt, wirst du dennoch genau auf dieselbe Weise handeln, o
Sohn Kuntis.

(verwendete Übersetzung der
Bhagavad-gita Verse, wenn nicht anders vermerkt: A.C. Bhaktivedanta
Swami Prabhupada, Bhagavad-gita Wie Sie Ist, dt. Ausgabe, BBT 1987)

9
Caitanya caritamrita, Madhya-lila, 8.70; zitierte
aus: Srila Rupa Goswami, Padyavali (14)

10
Die Definition von bhava wie sie von Srila
Rupa Goswami im Bhakti-rasamrta-sindhu, Vers 1.3.25 gegeben
wird: »Toleranz, sinnvollen Nutzung seiner Zeit, Loslösung
von weltlichen Freuden, die Abwesenheit von Stolz, stetige Hoffnung,
dass Krishna uns seine Gnade gewähren wird, intensive Sehnsucht
nach Erreichen des Ziels, ständiger Geschmack am Chanten des
Heiligen Namens, Anhaftung an Erzählungen über die
Eigenschaften des Herrn und Zuneigung zu seinen Orten – dies sind
die Symptome für das Erscheinen von bhava.« Es
gibt andere Stellen, wo bhava von den acaryas

schlichtweg als ‚Gefühl‘ oder ‚Empfindung ‚übersetzt
wird. Konkret handelt es sich um die Gefühle der Liebe zu
Radha-Krsna. Vgl. CC, Adi-lila , 4.68: »Die Essenz der
hladini-sakti ist Liebe zu Gott; die Essenz der Liebe zu Gott
ist Empfindung (bhava), und die höchste Entwicklung der
Empfindung ist mahabhava.«, BBT 1976

11
2.56-57: Wer trotz der dreifachen Leiden nicht
verwirrt ist, nicht von Freude überwältigt wird, wenn er
Glück erfährt, und frei von Anhaftung, Angst und Zorn ist,
wird ein Weiser mit stetigem Geist genannt. Wer in der materiellen
Welt von nichts, was ihm widerfährt – sei es gut oder
schlecht -, berührt wird un des weder lobt noch schmäht,
ist fest im vollkommenen Wissen verankert.

4.22:
Wer mit Gewinn zufrieden ist, der von
selbst kommt, wer von Dualität frei ist und keinen Neid kennt
und wer sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg ausgeglichen
bleibt, wird niemals verstrickt, obwohl er handelt.

5.18:
Die demütigen Weisen sehen kraft
wahren Wissens einen gelehrten und edlen brahmana, eine Kuh,
einen Elefanten, einen Hund und einen Hundeesser (Kastenlosen) mit
gleicher Sicht.

6.29-30: Ein wahrer Yogi sieht Mich in
allen Wesen und sieht auch jedes Wesen in Mir. Wahrlich, die
selbstverwirklichte Seele sieht Mich, denselben Höchsten Herrn,
überall. Jemand, der Mich überall sieht und alles in Mir
sieht, ist niemals von Mir getrennt, und ich bin nicht von ihm
getrennt.

12.13-20:
Wer nicht neidisch ist, sondern allen Lebewesen ein gütiger
Freund ist, wer keinen Besitzanspruch erhebt und von falschem Ego
frei ist, wer in Glück und Leid gleichmütig bleibt, wer
duldsam, immer zufrieden und selbstbeherrscht ist und sich mit
Entschlossenheit im hingebungsvollen Dienst beschäftigt, indem
er Geist und Intelligenz auf Mich richtet – ein solcher Geweihter
ist mir sehr lieb. Derjenige, der niemanden in Schwierigkeiten
bringt und der sich von niemandem verwirrren lässt, der in
Glück und Leid, Furcht und Sorge, ausgeglichen bleibrt, ist Mir
sehr lieb. Mein Geweihter, der nicht vom gewohnten Verlauf der
Tätigkeiten abhängig ist, der rein, sachkundig, ohne
Sorgen und frei von allem Leid ist und nicht nach Ergebnissen
trachtet, ist Mir sehr lieb. Wer weder frohlockt noch bekümmert
ist, weder klagt noch etwas begehrt und sowohl glückverheißenden
wie auch unglückverheißenden Dingen entsagt – ein
solcher Gottgeweihter ist Mir sehr lieb. Wer Freunden und Feinden
gleichgesinnt ist, wer bei Ehre und Schmach, Hitze und Kälte,
Glück und Leid sowie Ruhm und Schande Gleichmut bewahrt, wer
stets frei ist von verunreinigender Gemeinschaft, wer immer
schweigsam und mit allem zufrieden ist, wer sich nicht um eine
Unterkunft sorgt, wer im Wissen gefestigt ist und sich in Meinem
hingebungsvollen Dienst beschäftigt – ein solcher Mensch ist
Mir sehr lieb. Wer
diesem unvergänglichen Pfad des
hingebungsvollen Dienstes folgt, sich mit Glauben völlig
beschäftigt und Mich dabei zum höchsten Ziel macht, ist
Mir sehr, sehr lieb.

13.29-31:
Jemand, der sieht, dass die Überseele überall, in allen
Lebewesen, in gleichem Maße gegenwärtig ist, erniedrigt
sich nicht durch seinen Geist. So nähert er sich dem
transzendentalen Ziel. Wer sehen kann, dass alle Tätigkeiten
vom Körper ausgeführt werden, der von der materiellen
Natur geschaffen ist, und versteht, dass das Selbst nichts tut, hat
die wahre Sicht.
Wenn ein einsichter Mensch aufhört,
aufgrund verschiedener materieller Körper Unterschiede zu
machen, und sieht, wie die Lebewesen überall gegenwärtig
sind, erlangt er die Sicht des Brahman.

15.5:
Wer von Illusion, falschem Prestige und falscher Gemeinschaft frei
ist, wer das Ewige versteht, die
materielle Lust hinter sich gelassen hat und von der Dualität
von Glück und Leid befreit ist und wer weiß, wie man sich
der Höchsten Person ergibt, erreicht dieses ewige Königreich.

18.20:
Jenes Wissen, durch das die eine
ungeteilte spirituelle Natur in allen Daseinsformen gesehen wird –
ungeteilt im Geteilten – ist Wissen in der Erscheinungsweise der
Tugend.

Vgl. auch 14.22-25 , 16.1.3 und
18.51-53

12
18.54: Wer so in der Transzendenz
verankert ist (brahma-bhuta), erkennt sogleich das Höchste
Brahman und wird von Freude erfüllt. Er klagt niemals, noch
begehrt er irgend etwas. Er ist jedem Lebewesen gleichgesinnt. In
diesem Zustand erreicht er reinen hingebungsvollen Dienst für
Mich (mad-bhaktim). Zur Kategorie des brahman vgl.
auch 2.72, 5.19, 6.27, 7.29

13
5.16: Wenn aber jemand mit dem Wissen (jnana) erleuchtet ist,
durch das Unwissenheit (ajnana) zerstört wird, dann
enthüllt sein Wissen (jnana) alles, ebenso wie die Sonne
am Tage alles erleuchtet.

5.17: Wenn Intelligenz,
Geist, Glaube und Zuflucht im Höchsten verankert sind, wird man
durch vollständiges Wissen (jnana) von allen
unheilvollen Dingen geläutert und kann so auf dem Pfad der
Befreiung unbeirrt fortschreiten.

7.16: Oh Bester unter den
Bharatas [Arjuna], vier Arten frommer Menschen dienen Mir in Hingabe
– der Notleidende (artta), derjenige, der nach Reichtum
begehrt (artharthi), der Neugierige (jijnasu) und
derjenige, der nach der Absoluten Wahrheit sucht (jnani).

7.17: Von ihnen ist der
Weise (jnani), der in vollem Wissen gründet und der
immer im reinen hingebungsvollen Dienst beschäftigt ist
(eka-bhaktir), der Beste; denn Ich bin ihm sehr lieb, und er
ist Mir lieb.

7.18: All diese Geweihten
sind zweifellos große Seelen, doch der jnani ist Mir so
lieb wie mein eigenes Selbst. Weil er in seinen Gedanken immer bei
mir weilt, nimmt er entschlossen Zuflucht bei Mir als seinem
höchsten und vollkommensten Ziel. (Vers 7.18 übersetzt
nach der englischen Fassung von Srila Bhaktivedanta Narayana
Maharaja). Zur Kategorie des jnana vgl. auch 4.10., 4.19.,
4.23, 10.10-11.

14
5.18: Die demütigen
Weisen sehen kraft wahren Wissens einen gelehrten und edlen
brahmana, eine Kuh, einen Elefanten, einen Hund und einen
Hundeesser (Kastenlosen) mit gleicher Sicht.

15
5.7: Wer in Hingabe handelt, wer eine reine Seele
ist und wer Geist und Sinne beherrscht,
ist jedem lieb, und jeder ist ihm lieb (sarva-bhutatma-bhutatma).
Obwohl ein solcher Mensch stets handelt, ist er niemals verstrickt.

5.25:
Diejenigen, die sich jenseits der Dualitäten befinden,
die aus Zweifeln entstehen, deren Geist im Innern tätig ist,
die immer für das Wohl aller Lebewesen handeln (sarva-bhuta
hite ratah)
und die von allen Sünden befreit sind,
erreichen Befreiung (brahma-nirvana) im Höchsten.

11.55: Mein
lieber Arjuna, wer in Meinem reinen hingebungsvollen Dienst
beschäftigt ist, frei von den Verunreinigungen durch
fruchtbringende Tätigkeiten und frei von gedanklicher
Spekulation, und wer jedem Lebewesen ein Freund ist (nirvairah
sarva-bhutesu)
, gelangt sicher zu Mir. Vgl. zur Haltung
gegenüber Lebewesen auch 12.13 und 18.54.

16
Die Übersetzung dieser beiden Verse wurde von mir vorgenommen.
Als Ausgangsbasis dienten die Übersetzungen von Srila Narayana
Maharaja und Bhaktivedanta Swami Prabhupada, sowie das Sanskrit
selbst.

17
zitiert nach: Leah Freyermuth: Mahas Patah.
Aufbruch in die Welt des ungebrochenen Lichts, Seite 108, Frankfurt
2006

Ergänzung: »Ich bin kein
Jünger der Liebe, kein Schüler der Weisheit, kein Diener
des Herrn. Was aber dann? Ein Werkzeug in den Händen meines
Meisters, eine Flöte, die der göttliche Hirtenknabe bläst,
ein Blatt, bewegt vom Atem seines Herrn.« (Sri Aurobindo)

18
Es soll hier nicht in die Diskussion von Sinn und Unsinn von Gewalt
eingestiegen werden. Sie dient hier nur als Beispiel für
wertfreies Denken. Wen speziell die Frage der Gewalt interessiert,
sei auf meinen Aufsatz: Zur Kritik der Gewalt verwiesen. Dort
wir die Frage transzendentaler Gewalt detailliert diskutiert.
(Erschienen in Tattva Viveka 3, Frankfurt 1995)

19
5.18: Die demütigen
Weisen sehen kraft wahren Wissens einen gelehrten und edlen
brahmana, eine Kuh, einen Elefanten, einen Hund und einen
Hundeesser (Kastenlosen) mit gleicher Sicht.

6.8-9: Ein Mensch gilt als
selbstverwirklicht und wird als Yogi bezeichnet, wenn er kraft
gelernten und verwirklichten Wissens völlig zufrieden ist. Ein
solcher Mensch ist in der Transzendenz verankert und
selbstbeherrscht. Es sieht alles – ob Kiesel, Steine oder Gold –
als gleich an. Als noch weiter fortgeschritten gilt derjenige, der
aufrichtige Gönner, zugeneigte Wohltäter, Neutralgesinnte,
Vermittler und Neider, Freunde und Feinde sowie die Frommen und die
Sünder alle mit gleicher Geisteshaltung sieht.

6.29: Ein wahrer Yogi sieht Mich in
allen Wesen und sieht auch jedes Wesen in Mir. Wahrlich, die
selbstverwirklichte Seele sieht Mich, denselben Höchsten Herrn,
überall.

6.32: Ein vollkommener Yogi ist, wer
durch Vergleich mit seinem eigenen Selbst die wahre Gleichheit aller
Wesen sieht – sowohl in ihrem Glück als auch in ihrem Leid,
oh Arjuna.

13.31: Wenn ein einsichter Mensch
aufhört, aufgrund verschiedener materieller Körper
Unterschiede zu machen, und sieht, wie die Lebewesen überall
gegenwärtig sind, erlangt er die Sicht des Brahman.

14.22-25:
Wer einen Klumpen Erde, einen Stein und ein Stück Gold mit
gleichen Augens sieht , bei Lob und Beleidigung, Ehre und Schmach
gleichermaßen unberührt bleibt, wer Freund und Feind
gleich behandelt – von einem solchen Menschen wird gesagt, er habe
die Erscheinungsweisen der materiellen Natur (gunas)
transzendiert. (hier nur ausschnittsweise zitiert)

18.20:
Jenes Wissen, durch das die eine
ungeteilte spirituelle Natur in allen Daseinsformen gesehen wird –
ungeteilt im Geteilten – ist Wissen in der Erscheinungsweise der
Tugend.

20
18.11: Es ist in der Tat unmöglich für
verkörperte Wesen, alle Tätigkeiten aufzugeben.
Aber wer den Früchten des Handelns entsagt, gilt als jemand,
der wahre Entsagung ausführt.

18.40: Es existiert kein Wesen – weder
hier noch unter den Halbgöttern auf den höheren
Planetensystemen -, das vom Einfluss der drei Erscheinungsweisen der
materiellen Natur frei ist.

18.60: Aufgrund von Illusion weigerst
du dich jetzt, Meiner Anweisung gemäß zu handeln. Doch
gezwungen durch die Handlungsweise, die deiner eigenen Natur
entspringt, wirst du dennoch genau auf dieselbe Weise handeln, oh
Sohn Kuntis.

21
Bhaktivinoda Thakura, Jaiva-dharma, Mathura 2002,
2. Auflage, Seite 480. (Dies ist übrigens angelehnt an einen
Vers aus dem Hari-bhakti-vilasa, was an dieser Stelle im
Jaiva-dharma nicht gesagt wird. Der Vers aus dem Hari-bhakti-vilasa
wird zitiert in: Srimad Bhaktivedanta Narayana Maharaja: Sri
Upadesamrta, deutsche Ausgabe, 2004, S. 28)

22
CC, Madhya-lila, 8.266; weitere Ausführungen
dazu unten im Kapitel zu ‚The Essence of all Advice‘.

23
siehe: Swami B. B. Tirtha: Sri Chaitanya. His Life and Associates,
Mandala Publishing, San Raphael 2001, S. 45f. Pundarika Vidyanidhi
wirkte äußerlich wie ein Materialist, weil er wohlhabend
war, Diener hatte und Pan kaute. Gadadhara Pandit kritisierte
Pundarika Vidyanidhi dafür, als er ihn das erste Mal traf. Sein
Begleiter, Mukunda Datta, chantete dann einen Vers aus dem Srimad
Bhagavatam, woraufhin Pundarik unmittelbar in Ekstase fiel, anfing
zu weinen und Radha-Krishna lobpries. Gadadhara wurde dann von
Caitanya Mahaprabhu geraten, Pundarik Vidyanidhi als spirituellen
Meister anzunehmen, um sein Vergehen gegen ihn wieder gut zu machen.

24
Siehe dazu auch Srila Visvanatha Cakravarti
Thakura: Sarartha Darsini, Seite 300, Vers 10.29.10-11, Erläuterung:
»In seinen Spielen auf der Erde dreht Krishna oft die
niedrigsten Dinge in die höchsten«, und bringt die
Beispiele von Krishnas Rolle als Wagenlenker und die höhere
Stellung des unehelichen rasas (srngara-rasa) gegenüber
dem ehelichen rasa.

25
4.22: Wer mit Gewinn zufrieden ist, der von
selbst kommt, wer von Dualität (dvandva) frei ist und
keinen Neid kennt und wer sowohl bei Erfolg als auch bei Misserfolg
ausgeglichen bleibt, wird niemals verstrickt, obwohl
er handelt.

7.27:
Oh Nachkomme Bharatas, oh Bezwinger der Feinde, alle Lebewesen
werden in Täuschung geboren, verwirrt von den Dualitäten
(dvandva), die aus Verlangen und Hass entstehen.

13.22: So
folgt das Lebewesen in der materiellen Natur den Wegen des Lebens
und genießt die drei Erscheinungsweisen der Natur. Das hat
seine Ursache in der Verbindung mit dieser materiellen Natur. Auf
diese Weise trifft es mit Gut und Schlecht unter den verschiedenen
Arten des Lebens zusammen.

26
Srila Visvanatha Cakravarti Thakura: Sarartha
Darsini, 10. Kanto des Srimad Bhagavatam, herausgegeben von
Mahanidhi Swami, Neu Delhi 2004, Seite 300-301

27
zitiert nach Srila Visvanatha Cakravarti Thakura:
Sararta Darshini, Seite 377

28
Man beachte hier den Näherungswert. Srila Gurudeva spricht
nicht in Verabsolutierungen, sondern in Annäherungen. Null
anarthas ist praktisch nicht erreichbar, höchstens
»sehr, sehr wenige anarthas«. Man kann den
anarthas nicht entgehen, ist auch nicht notwendig.

Freie Bhakti-Thesenpapier, Autor: Ram das (pdf)



2 Gedanken zu „Ram das: Freie Bhakti

  1. Radha/Krishnas Namen zu chanten wird alles bringen was auf deinem speziellen Weg erträümt werden kann.Der heilige Name führt dich deinem Dharma entsprechend in deine ureigenen Fusstapfen deiner einzigartigen Beziehung zum Göttlichen.Der heilige Name bedeutet das Ende aller Erklärungen über Wege zu Gott und dem krampfhaften suchen nach einem autorisierten spirituellen Meister, welcher Sampradaja auch immer. Radhe Radhe

  2. Die vielen Meister die dir auf deinem Weg begegnen, seien wie duftende bunte Blumen die in Fülle deinen persönlichen Pfad säumen mögen.Die wichtigste Person in deinem Leben jedoch bist du selber, trägst du doch die ewige Liebe in deinem Herzen,die gleich einer Blume einfach nur blühen möchte.Werde einfach du selbst und folge Dir froh und unerschrocken in deinem einzigartigen Geschmack für deine eigene Liebe zu Gott die deinem Dharma entsprechend ganz natürlich erblühen wird.Sie allein zu entwickeln ist der leichte Weg,den du einzig über das chanten des heiligen Namens leicht erreichen wirst .Folgst du starr den Autoritäten,so verleugnest du deine eigene Autorität, die immer in deinem Herzen weilt und seit Anbeginn auf dich wartet……nur auf Dich.Verlasse mit Küsschen und winke winke die langweiligen ausgetretenen Pfade derer die vor dir gingen und wähle Deinen eigenen Weg frisch und direkt ohne Umwege,sei ohne Angst.Krishna ist der Schöpfer,der Künstler,er liebt die Kreation,schau auf die schier unendliche Vielfalt unserer Welt.Er wid dich lieben für deinen eigenen Weg frei von langer Weile und bärtigen Dogmen, so er zur Freude aller gereicht.

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